Warum sind Sie hier und nicht in der Küche?" -Kathrin Weber* (29) schüttelt über solche Sprüche nur noch den Kopf. Manchmal werden ihre braunen Augen dann blau. Das tun sie immer, wenn der Frau Stabsgefreiten etwas gegen den Strich geht. Und Sprüche dieser Art mag sie besonders gern. Männer, die so reden, heißen bei ihr Krokodile oder Schildkröten. "Das sind die Tiere, die uralt werden und nichts dazu gelernt haben."Kathrin Weber ist eine von 16 900 weiblichen Soldaten in der Bundeswehr. Tanja Kreil, eine junge Elektronikerin, klagte 1998 gegen die Bundesrepublik Deutschland, weil man ihr als Frau den Zugang alsSoldat verwehrte. Der Artikel 12a Absatz 4 des Grundgesetzes verbot Frauen den Dienst an der Waffe. Zugelassen waren sie lediglich im Sanitäts- und Militärmusikdienst. Der Europäische Gerichtshof gab ihr 2000 Recht: das Grundgesetz wurde geändert und im Januar 2001 zogen die ersten 244 weibliche Soldaten in die Kasernen ein."Frauen in den Streitkräften sind eine echte Bereicherung. Sie sind kreativer und in vielen Bereichen auch sensibler. Aber auch genau so hart im Nehmen, wie Männer", erklärt Oberleutnant Klaus Müller* (36).Kathrin Weber ist seit vier Jahren dabei und hat es keine einzige Stunde bereut. Die 1, 75 Meter große Ergotherapeutin und Pferdewirtin hat sich vor ein paar Wochen gemeinsam mit ihrer Kameradin Marina Raabe* für den Afghanistaneinsatz gemeldet. Marina ist Oberfeldwebel, 26 Jahre alt und gelernte Zahnarzthelferin.Minus 16 Grad. Es schneit wie im Märchen der Frau Holle. Flocken so groß wie Daunen fallen auf Kopfbedeckung und Uniform. Das 31. Lazarettregiment "Berlin" in Kladow steht stramm. 150 Frauen und 650 Männer beim Morgenappell. Die Ansprache des Kommandeurs dauert 48 Minuten und 44 Sekunden. Nichts für Memmen und Frostbeulen. Der Blick der beiden Soldatinnen ist stur nach vorne gerichtet, und Kathrin zuckt nicht einmal, als sich eine Flocke auf ihre Wimpern verirrt.Nach dem Appell - in der Küche (Aha!) - erzählen die beiden von ihren Erfahrungen bei den Streitkräften. Mit Männern in der Truppe und auch außerhalb. Oberleutnant Klaus Müller stellt derweil selbstgebackene Plätzchen auf den Tisch."Als ich vor sechs Jahren anfing, herrschte noch ein rauerer Umgangston", erinnert sich Marina. "Doch inzwischen hat sich viel geändert. Ich bin gerne Frau, aber hier muss ich meinen Job stehen und darf keine Sonderbehandlung erwarten." Marina ist ehrgeizig und pflichtbewusst. Den vier Monaten Afghanistan sieht sie weniger mit Angst, aber mit viel Respekt entgegen. Und ein paar Tafeln Schokolade Vollmilch-Nuss werden auf jeden Fall im Gepäck sein. "Ich bin eine leidenschaftliche Schokolade-Esserin. Das gibt Kraft und macht gute Laune." Aber sie könne auch kochen, beteuert Frau Oberfeldwebel lachend. So um die zehn Gerichte hätte sie im Programm. Nur keine Eierkuchen, von denen wird ihr schlecht."Unser Ziel ist es, 50 Prozent Frauenanteil im Sanitätsdienst der Bundeswehr zu erreichen", sagt Oberleutnant Müller. "Zur Zeit sind wir im Lazarettregiment 31 Berlin bei 15 Prozent. In den gesamten Streitkräften wird es wohl noch eine Weile dauern, bis das Ziel von 15 Prozent erreicht ist."2500 Soldatinnen haben die Offizierslaufbahn eingeschlagen. Die ersten, die 2001 zur Bundeswehr kamen, haben inzwischen Führungspositionen als Kompaniechefin oder Kompaniefeldwebel erreicht. Von den 7000 Soldaten im Auslandseinsatz sind rund 380 Frauen.Die Studie "Truppenbild mit Dame" zeigt, dass die Integration von Frauen große Fortschritte macht. Fast 70 Prozent der männlichen Soldaten sind froh, Frauen in der Truppe zu haben. Nur 15 Prozent sind der Meinung, dass Frauen nicht hierher gehören. Wie an jedem Arbeitsplatz gibt es auch hier sexuelle Übergriffe. 58 Prozent der Soldatinnen sagen, dass sie schon mal sexistische Sprüche und anzügliche Witze hören mussten. 19 Prozent geben an, dass sie unerwünschte körperliche Annäherungsversuche und Berührungen erlebt haben."Zu empfindlich sollte eine Soldatin nicht sein. Männer haben eben oftmals einen anderen Humor und wollen sich beweisen. Da kann ich locker drüber weghören." Kathrin Weber sitzt schon auf gepackten Sachen. Zum Abmarsch bereit. Jedenfalls rein theoretisch. Dass ihr Freund davon nicht so begeistert ist, weiß sie. Aber sie habe nun mal unterschrieben und neue Erfahrung im Auslandseinsatz zu sammeln kann schließlich nicht schaden. Genauso denkt auch Frau Oberfeldwebel Raabe. Fünf Mal habe sie sich schon freiwillig gemeldet und jedes Mal hat man sie nicht genommen. Nun hofft sie, dass es diesmal klappt.Trifft man die beiden privat, erkennt man sie kaum wieder. Jedenfalls was das Äußere betrifft. Statt Uniform enge Jeans und Pullover, kurzes Kleid und Bluse. "Ich kann von Tussi bis sportlich", sagt Marina und grinst, "aber ich trage auch gerne meine Uniform." Vor Kurzem gingen sie in die Disco und waren erstaunt, wie ängstlich "Kerle" sind. "Da ist doch tatsächlich einer gleich verschwunden, als er hörte, was wir beruflich machen. Er ging zum Klo und kam nicht wieder. Männer haben eben Angst vor starken Mädchen."Bei der Uniform haben sich Kathrin und Marina für die männliche Variante entschieden. Die taillierten Feldblusen sind beiden zu unbequem und die Frauenhosen sitzen viel zu hoch."Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob du dich allein im Fitness-Studio quälst und jederzeit aufhören kannst. Oder ob du mit einer Truppe Männer durch den Schlamm robbst und dein Letztes gibst, weil du dich nicht blamieren willst." Oberleutnant Klaus Müller weiß: Da geben schon mal eher Männer auf.* Namen geändert------------------------------BU: Das 31. Lazarettregiment "Berlin" in Berlin-Kladow beim Morgenappell.Zwischenzeile: AM ANFANG HERRSCHTE NOCH EIN RAUER UMGANGSTONZwischenzeile: ZU EMPFINDLICH SOLLTE EINE SOLDATIN NICHT SEIN
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