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Wie konnte es nur so weit kommen, dass dieser liebe Mann so einsam starb?

Hilfe - ein kleines Wort. Es kam Andreas H. (41) aber nie über die Lippen. Dabei wären so viele Menschen für ihn da gewesen - sein Sohn, Eltern, Geschwister. Alle hätten geholfen, hätten sie nur von dieser Zwangsräumung gewusst. Nein, Andreas H. musste wirklich nicht erfrieren. Trotzdem ging er in den Babelsberger Park und starb.Stolz? Vielleicht war es das. Andreas H. wollte sich scheinbar die eigene Not nicht eingestehen, wollte sich nicht helfen lassen. Weder von Freunden, noch von seiner Familie. "Ich hatte ihn neulich nach seiner Arbeit gefragt, da meinte er noch, dass alles okay sei", sagt eine Nachbarin bestürzt.Andreas H. lebte in einer Scheinwelt. "Er ließ sich nichts anmerken, hat das wohl total verdrängt. Sonst hätten wir ihn doch sofort unterstützt", sagt seine Schwester Angela (40). Sie weint. "Erklären kann ich mir das nicht. Ich weiß nur, so weit musste es nicht kommen."Ein Job erst als Maler bei einer Gebäudefirma, später als Getränke-Fahrer. Ein wohlgeratener Sohn, eine hübsche Frau. 18 Jahre hatte Andreas H. in seiner 2,5 Zimmer-Wohnung in der Tuchmacherstraße in Babelsberg-Nord gewohnt. Nach dem tragischen Krebstod seiner Frau Karola vor sechs Jahren war er allein mit seinem Sohn Peter (heute 20, Landschaftsgärtner). Und selbst der hatte nicht geahnt, dass der Vater seit 2001 weder Miete noch Betriebskosten für die Wohnung gezahlt hatte. Rund 9000 Euro waren offen - ein Schuldenberg hatte sich in den vier Jahren aufgetürmt.Räumungsklage am 23. September vergangenen Jahres. "Das wäre doch nicht das Ende gewesen", sagt Regine Thielemann, Sprecherin der Stadt Potsdam, betroffen. "Am 28. September wurden wir von der drohenden Räumung informiert, wir wollten dem Mann sofort helfen." Drei Briefe verschickte das Sozialamt, am 14., 18. und 27. Oktober. Andreas H. ignorierte die Schreiben. Ein Hausbesuch folgte. Andreas H. machte nicht auf. Am 18. Januar erging schließlich der Bescheid über den Termin der Räumung. Regina Thielemann: "Wir schrieben ihm darauf zwei Mal, bekamen keine Antwort. Das ist für mich einfach nicht zu verstehen."Ein letzter Kontakt-Versuch am 17. Februar. Doch der Mitarbeiter des Sozialamtes Potsdam stand wieder vor verschlossener Tür. Thielemann: "Wir hinterließen noch einen Brief, auf den er sich auch nicht meldete." Dabei hätte es viele Möglichkeiten gegeben, sogar bei den Mietrückständen wäre das Amt eingesprungen, hätte Andreas H. nur reagiert. "Im schlimmsten Fall hätten wir ihn im Obdachlosenheim am Lerchenweg untergebracht", sagt Regina Thielemann. "Aber wenn sich jemand derart verweigert, haben auch wir keine Chance. Er muss das total verdrängt haben. Zwingen können wir ihn nicht."Dienstagmorgen weckten die Möbelpacker Andreas H. Die Gerichtsvollzieherin war die einzige, mit der er noch kurz sprach. Aber selbst da verschloss er vor seiner Not die Augen, log: "Keine Sorge, ich komme bei einem Freund unter." Den Freund aber, den gab es überhaupt nicht. Sohn Peter stand abends vor verschlossener Tür, Vater Andreas war verschwunden. Dass der zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich schon im Babelsberger Park lag, dort langsam erfror, das konnte der Junge nicht ahnen. Er ging zu seinen Großeltern, wartete auf Nachricht vom Vater.Andreas H., ein Mensch, der die Hilfe nicht wollte, dagegen aber anderen so gerne half. Der Nachbarin ging er bei Reparaturen im Haus zur Hand. "Nach dem Tauwetter wollte er noch meine Regenrinne richten", sagt sie traurig. Seine Eltern besuchte er jedes Wochenende im über 80 Kilometer entfernten Ziesar. Horst (66) und Rita H. (64) haben dort ein großes Einfamilienhaus. Mit genug Platz für den Sohn."Er war immer von Freitag bis Sonntag da. Früher kam er mit seinem alten Kadett, jetzt mit dem Zug", sagt seine Schwester. Auch vergangenes Wochenende war er dort. Da renovierte Andreas H. noch das Wohnzimmer der Eltern. Sein Vater sollte es zu seinem 66. Geburtstag an diesem Freitag doch schön haben."Papa ist bei der schlimmen Nachricht zusammengebrochen", sagt Angela. Sie vermutet. "Vielleicht war es der Tod von seiner Frau, der ihn über die Jahre so aus der Bahn warf. Wir haben ihm immer geraten, sich doch neu zu verlieben. Das kam für ihn aber nicht infrage." Andreas H. hatte seine Karola sehr geliebt. "Wenn mir mal irgendwann auch was passieren sollte, möchte ich neben ihr auf dem Teltower Friedhof liegen", bat er seine Schwester oft. Die Erfüllung dieses Wunsches bleibt das Einzige, was Angela noch für ihren Bruder tun kann.BU: Erinnerungen und viele Bilder. Mehr blieb Angela H. nicht von ihrem Bruder. Ihr ist es unerklärlich, warum er nicht um Hilfe bat.------------------------------AUS DEM POLIZEIBERICHT // Eine leblose männliche Person fanden Bürger am Mittwochvormittag gegen 8.30 Uhr im Park Babelsberg. Der Mann lag auf einem Stück Teppich ca. 40 bis 50 m vom Hauptweg entfernt hinter einer Böschung im Gebüsch. Neben dem Leblosen befanden sich ein Rucksack und mehrere Bierflaschen. Der Notarzt stellte den Tod des 41-Jährigen fest, der offenbar erfroren war. Ermittlungen ergaben, dass der Mann in Babelsberg gewohnt hatte, die Wohnung einen Tag zuvor mit Beschluss des Amtsgerichtes zwangsgeräumt worden war.------------------------------Zitat: "Am 28. September wurden wir von der drohenden Räumung informiert, wir wollten dem Mann sofort helfen." Stadtsprecherin Thiele------------------------------Zitat: "Vielleicht war es der Tod von seiner Frau, der ihn über die Jahre so aus der Bahn warf." Seine Schwester Angela------------------------------BU: Der schönste Tag in seinem Leben - Hochzeit in Weiß. An ihrem plötzlichen Tod vor sechs Jahren zerbrach ihr Mann.


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