Frankfurts Goncalo Paciencia hilft Union-Keeper Rafal Gikiewicz mit einem offenen Schuh. Ein Zeichen von Solidarität in einer ansonsten sehr unsolidarischen Fußball-Welt. Daran, so unser Autor, wird auch die Krise wenig ändern. imago-images

Stillstand. Innere Einkehr. Solidarität. Gegenseitiger Respekt. Hilfsbereitschaft. Sich besinnen auf die wahren Werte. Weg vom „Höher, Schneller, Weiter“, dem „Citius, Altius, Fortius“, der eigentlich olympischen Idee, die sich in unserer Gesellschaft längst verselbstständigt und die scheinbar ungebremst unser aller Leben zumindest auch schneller, rasanter, dabei aber nicht unbedingt sozialer gemacht hat.

Was gut in den Religionsunterricht oder in ein „Wort zum Sonntag“ passt, ist in der Krise wieder überall zu vernehmen. Fast möchte man sagen: zum Glück, endlich, es wurde wirklich allerhöchste Zeit. Vielleicht besinnt sich die Gesellschaft auf ein etwas gesünderes Maß an Wirbel, an Trubel, an Rasanz. Und auf ein klein wenig mehr Bodenhaftung.

Das geht auch den Fußball was an. Vor allem den professionellen, in dem auch der 1. FC Union mitmischt mit seinem aktuellen Jahresetat von 74,481 Millionen Euro. Viele Fans wären froh, hätten sie als finanzielles Polster wenigstens die dritte Zahl hinterm Komma. Aber das war wahrscheinlich schon vor Covid-19 so.

Andererseits gibt es die Erfahrung, die mancher womöglich zum ersten Mal macht: In der Krise lernt man die Mitmenschen, sein Gegenüber, seinen Nachbarn erst richtig kennen. Manche, die nur immer strahlen, entpuppen sich als blanke Egoisten. Andere, von denen das kaum jemand erwartet, zeigen unvermutet Menschlichkeit. Die Ultras, die in jüngster Vergangenheit auch bei mir eher die Galle haben überlaufen lassen, rufen vielerorts zu Solidarität auf und starten kreative Hilfsaktionen, die mich stark ans „Bluten für Union“ erinnern.

Besinnen sich die Vereine auf das Wesentliche?

Was mir aber Sorge macht, ist folgendes: Besinnen sich auch die Vereine, und zwar alle, auf das Wesentliche? Kommen auch sie aus ihren teilweise Gott-gleichen Höhen auf so etwas wie Normalmaß zurück? Ich habe, leider, meine Zweifel.

Warum? Weil ich es anders erlebt habe. Als die Bundesliga schon einmal geschlossen nach Solidarität, die zentrale TV-Vermarktung hieß, rief, war das Branchenführer FC Bayern ziemlich schnuppe. Er zeigte sich erst dann „solidarisch“, als ihm die Kirch-Gruppe sein drohendes Veto gegen die Zentralvermarktung, damals unvorstellbar gigantisch, mit 40 Millionen D-Mark abkaufte.

An diesen Skandal denke ich, als ich jüngst beim ZDF-Sportstudio hängenbleibe. Der Rahmen gespenstisch, weil sich in der Dekoration neben Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein nur Rouven Schröder verliert, Vorstand Sport beim FSV Mainz 05. Ich bin deswegen interessiert, weil die Mainzer mit dem 1. FC Union sozusagen auf Augenhöhe spielen und am jetzigen Sonnabend, so jedenfalls der Spielplan vor Corona, in der Alten Försterei aufgelaufen wären.

Bigotterie im Sportstudio

Wie nahezu überall fallen auch hier die Worte „Solidarität“, „Respekt“ und, ja, sogar „Moral“. Doch genau die stößt mir sauer auf. Denn der 05-Manager ist sich nicht zu schade, mit einem Werbe-Button an seinem Pullover zu erscheinen. Ich bin nicht naiv und weiß, dass Sponsoren viel Wert auf derartige Klauseln legen. Aber jetzt, da die Welt den Atem anhält? Geht’s noch? Das kommt mir gerade in dieser Atmosphäre schäbig vor. Oder, die Werbung auf Schröders Button liest sich ganz ähnlich: kümmerlich.

Eine derartige Instinktlosigkeit macht mich fassungslos. Andererseits: Was habe ich erwartet selbst von einem, der nicht unbedingt zum ganz großen Establishment zu zählen ist? Dass er das auch lebt, worüber er spricht?

Nach dem ersten Maz-Einspiel geht das Interview weiter. Der Button? Verschwunden! Ist diese Bigotterie auch dem Regisseur zu blöde gekommen oder einem Redakteur? Hatte der Kameramann mehr Gefühl oder Frau Müller-Hohenstein? Wie peinlich für Rouven Schröder.

Insofern glaube ich in diesem Business nicht an Solidarität, an Innehalten (höchstens für den Moment) und schon gar nicht an Moral. Nur zu gern würde ich mich trotzdem widerlegen lassen.