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Sie war großer Union-Fan: Eiserne trauern um Hanna

Die Eisernen trauern um Hanna.

Die Eisernen trauern um Hanna.

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Berliner Kurier/Mathias Bunkus

Ein typischer Kick an einem typischen letzten Spieltag. Für beide Vereine geht es um nichts mehr und trotzdem – typisch 1.?FC Union – ist die Hütte gegen Eintracht Braunschweig ausverkauft, werden die eigenen Fußballgötter gefeiert. Eine typische Halbzeitpause in dem typischen Kick am letzten Spieltag. Christian Arbeit grüßt Geburtstagskinder und Eiserne, die von Weitweitweg den Weg in die Alte Försterei gefunden haben. Doch dann holt der Stadionsprecher tief Luft, setzt einmal vergeblich an, weil ihm das, was er jetzt tun muss, so unvorstellbar schwer fällt. Er tut es trotzdem – und in den folgenden Minuten sind wir alle vereint. Vereint mit dem Schicksal.

Christian Arbeit erinnert an das „schreckliche Geschehen in Kaulsdorf, ihr alle, jeder von uns, hat davon gehört“. Ein junges Mädchen, gerade 18 Jahre alt und das personifizierte blühende Leben, wurde brutal ermordet. Keine acht Kilometer entfernt am Bahnhof Wuhletal.

Christian Arbeit nennt den Namen Hanna. Und dann sagt er: „Sie war eine von uns“. Und seine Stimme zittert, als er fortfährt: „Ich muss das jetzt einfach ablesen, Hannas Familie hat uns einen Brief geschrieben.“

Die Zeit bleibt stehen, bis das letzte Wort verklungen ist. Bis wir, die an jeder Silbe hängen, alles verstanden haben. Die ganze eiserne Geschichte.

Der Brief erzählt von dem fröhlichen Mädchen, das seit langen Jahren mit ihrer Familie im Sektor 4 stand. Das immer davon sprach, sie wolle endlich groß werden, älter werden, „um den Erwachsenen auch mal Bier und Bratwurst holen zu können.“

Das davon träumte, „endlich mal auswärts mitfahren zu dürfen“ – und in ihr viel zu früh geraubtes Leben nur noch eine einzige Auswärtsfahrt hineinpressen konnte. Im März. Nach Darmstadt. Das Ergebnis war „für Hanna völlig nebensächlich“. Es wird auch hier nicht genannt. Zum Schluss, so erzählt der Brief, verkaufte Hanna dort im S 4 selbst Bier und Wurst, um das Taschengeld aufzubessern.

Es ist ein Brief, geschrieben mit unfassbar viel Kraft und unfassbar viel Schmerz. Der denen, die zuhörten, die Kehle abschnürte. Und das Herz noch dazu. Bis genau dort das Verstehen begann. Nicht im Hirn, sondern im Herzen.

Spürt das Herz doch immerdar, dass uns jeder einzelne Tag geschenkt ist auf diesem Ball, den wir Erde nennen! Dass wir deshalb jeden Tag auch so leben sollten. Mit voller Hingabe an das, was wir lieben. Und wen wir lieben. Leben so wie es Hanna tat, in ihren viel zu kurzen 18 Jahren.

Hannas Familie – und damit Hanna selbst – schickte uns allen diese Botschaft aus dem größten Schmerz heraus. Eine wunderbare Geste der Stärke. Ein unzerstörbares Bekenntnis zum Leben.

Wir dürfen uns nicht besiegen lassen von Unglück oder von Mord und Totschlag. Wir müssen damit leben, müssen es überleben. Müssen da eisern durch. Und den Fokus darauf legen, die Tage, die uns bleiben, nicht zu vertändeln oder zu besudeln. Das Schöne muss siegen. Die Liebe. Über das Hässliche und Kranke.

Auf der nächsten Seite lesen Sie, warum Union anders ist als die großen Vereine. Weil Union eine Familie ist.

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