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Berliner-Kurier.de | Maximilian Thiel (23): Als ich noch jung war, hatte ich noch nicht so viel Pech
03. March 2016
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Maximilian Thiel (23): Als ich noch jung war, hatte ich noch nicht so viel Pech

Maximilian Thiel

Maximilian Thiel

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City-Press GbR

Fragt man Maxi Thiel, wie es ihm derzeit geht, antwortet der Oberbayer mit einem riesigen Grinsen, das ihm irgendwie angeboren zu sein scheint – egal was kommt: „Eigentlich geht es mir ziemlich gut. Die Verletzung war Gott sei dank nicht ganz so schlimm wie anfangs vermutet. Dass ich jetzt schon wieder im Kader stehen konnte, ist großartig.“ Unbewusst knetet er dabei seinen Oberschenkel, als ob er sich und seinem Problembereich Mut zustreicheln will.

Die Verletzung, von der er spricht, war diesmal eine Einblutung. Drei Wochen hat sie ihn aus der Bahn geworfen. Zuvor war es ein Muskelfaserriss. Davor eine Schulterverletzung. Und das alles in den eineinhalb Jahren, die er für den 1. FC Union spielt.

Thiel ist erst 23 Jahre alt und hat sich seinen Wechsel zu den Eisernen sicherlich ganz anders vorgestellt. Aber was soll man machen? „Manche sind eben anfälliger als andere. Ich gehöre anscheinend zu den anfälligen Spielern. Es wäre nur schön zu wissen, woran das liegt. Früher, als ich noch 20 Jahre jung war, wurde ich vom Verletzungspech nicht so verfolgt. Aber jetzt bin ich alt, da ist eben alles anders,“ sagt er und lacht. Und dabei scheint es auf einmal, als ob alles nicht ganz so schlimm wäre.

Immer wieder aufstehen. Immer weitermachen. Immer wieder von vorne anfangen. Auch darin ist Maxi Thiel mittlerweile ein Profi. Seine Stärke ist sein Ehrgeiz, denn er hatte sich viel vorgenommen für diese Saison. Endlich einmal 20 Spiele am Stück absolvieren und seinem neuen Amt als Vizekapitän gerecht werden.

Doch genau sein Ehrgeiz war es, der ihm im Januar zum Verhängnis wurde: Der Oberschenkel zwickte und statt auf seinen Körper zu hören, wollte Thiel nicht einsehen, dass er nach der schlimmen Verletzung nur wenige Monate zuvor schon wieder ausfallen sollte. Also spielte er gegen Kaiserslautern mit Schmerzen und obwohl er sich nicht fit fühlte. Danach wurde alles schlimmer statt besser.

„Ich war zu stur und zu naiv, weil ich nicht akzeptieren wollte, dass ich schon wieder verletzt bin. Hätte ich mich gleich behandeln lassen, wäre ich vielleicht viel früher wieder fit gewesen.“ Lehrgeld, auf das er gerne verzichten würde. Erst als es beinahe schon zu spät war, hat er für sich selbst entschieden, gegen 1860 München lieber nicht zu spielen.

„Man steht da gewissermaßen zwischen den Stühlen. Die Ärzte sagen, dass eine Pause mal ganz gut wäre. Der Trainer braucht dich aber, weil so viele andere verletzt sind. Die Familie macht sich Sorgen und will auf keinen Fall, dass du spielst.“

Es ist schwierig, da die richtige Entscheidung zu treffen, denn man kann es nicht allen recht machen. Das will Thiel aber auch nicht. Er will es endlich mal nur sich und seinem Körper recht machen: „Ich habe dann für mich entschieden, die Verletzung komplett ausheilen zu lassen, damit ich irgendwann mal wieder bei 100 Prozent bin und mit mir zufrieden sein kann.“

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Rubert

Aber was sind diese 100 Prozent eigentlich, von denen immer alle sprechen? Zum ersten Mal ohne ein Grinsen im Gesicht, denkt Thiel ernsthaft nach und antwortet nicht wie aus der Pistole geschossen. Nach ein paar Sekunden sagt er etwas zweifelnd: „Das ist eine schwierige Frage, denn da gehört viel dazu: Fitness, Spielwitz, Zweikampfstärke, Spielverständnis und in meinem Fall vor allem auch Laufstärke. Es muss einfach alles stimmen.“

Eigentlich weiß Thiel gar nicht, was 100 Prozent sind. Er selbst kennt dieses Gefühl nicht mehr, denn es ist zu lange her, dass bei ihm alles stimmte. Es braucht Konstanz und Spielpraxis. Die hat er aber nicht, denn „auch wenn man nur wenige Wochen fehlt, wird man komplett aus der Bahn geworfen und beginnt von vorne, sich an die Mannschaft heranzukämpfen.“

Schon wieder kämpfen. Schon wieder Einzeltraining und Reha. Dabei ist Thiel der geborene Mannschaftssportler. Niemand wird Fußballer, um ständig alleine auf dem Platz zu stehen und Laufübungen zu absolvieren. „Das zieht einen irgendwann schon runter. Es ist eben blöd, wenn man allein Training hat und nur mit dem Physio rumwitzeln kann, anstatt mit 20 anderen Spielern.“ Um den Kontakt zur Mannschaft nicht zu verlieren und weiter mit einbezogen zu werden, absolvierte Thiel seine Reha immer parallel zum Training. „So bekam ich wenigstens noch etwas mit, konnte auch mit den Jungs gemeinsam essen gehen. So konnten sie nicht vergessen, wie ich aussehe,“ lacht er mal wieder.

Aber jetzt ist Thiel ja wieder da, wieder ganz nah dran. Gegen Fürth stand er im Kader. Gegen Frankfurt sollen am Samstag wieder Spielminuten aufs Profikonto kommen. Der Oberbayer will der Mannschaft wieder helfen – mit seinem Ehrgeiz, seiner Laufstärke. Und hoffentlich auch bald mit 100 Prozent Maxi Thiel.