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Ex-Unioner Jan Glinker: Zwischen Tor- und Schnappschuss

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Verfallene Plätze und  Aufnahmen in der freien Natur – Jan Glinker bei der Jagd nach guten Motiven.

Foto:

Matthias Kern

Er ist der Mann für die ganz scharfen Schüsse. Egal ob Tor- oder Schnappschüsse. Hauptberuflich pariert Ex-Union-Keeper Jan Glinker die Bälle im Kasten des 1. FC Magdeburg. Und privat hält er Objekte durch den Sucher seiner Kamera fest.

Gestatten, Glinker. Torwart aus Leidenschaft und Fotograf aus Passion. Der langjährige Stammkeeper der Eisernen öffnet uns hier seine ganz private Spielwiese. Seit zwei Jahren beschäftigt er sich ernsthaft mit diesem  Thema.  Und schuld daran ist eigentlich seine Freundin  Melly (Anfang Juni wird geheiratet). „Sie hat mir mal eine Canon  1200D geschenkt, damit ich unsere Tochter Pia fotografiere.“

Hat er natürlich. Und dabei Blut geleckt, er wollte nicht nur Bilder fürs Familienalbum produzieren. Mittlerweile legt er sein „Baby“ kaum noch aus der Hand. „Selbst wenn  wir im Ostseeurlaub einen Abend mal frei hatten und die Kinder von meinen Eltern betreut worden sind, hatte er das Ding dabei“, beschwert sich Melly lachend. Die guten Geister, die sie rief ...

Aber so ist Jan halt. Immer fokussiert. Immer auf  der Suche nach neuen Motiven. Kurioserweise war es der Bruch in der sportlichen Laufbahn, der ihm das Tor zur Fotografie eröffnete. Union wollte ihm keinen Vertrag mehr geben. Veränderung stand ins Haus. So oder so.  „Das  tat schon weh, auch wenn ich damit rechnen musste. Aber nach 13 Jahren im Verein hängt das Herz halt daran“, so Glinker.

Angebote aus der 3. Liga  hagelte es nicht. Und wenn, wären  sie fern der Heimat gewesen. Doch dort hatte sich „Klinge“ auf dem gemeinsamen Grundstück mit seinen Eltern ein Häuschen gebaut. So ein gemütliches Nest lässt man nicht ohne Not so einfach links liegen.

Dann kam die Anfrage vom FCM um die Ecke. Sportlich ein Rückschritt. Von Liga zwei runter in die Viertklassigkeit. Finanziell sowieso. Nun gut, Fußballprofis verhungern nicht. Aber versuchen Sie doch einmal, von heute auf morgen mit 40 Prozent Ihres letzten Grundgehalts auszukommen. So einfach geht das nicht. Nicht mal bei Besserverdienenden.

Dazu kam die größer werdende Last der Verantwortung als Familienvater. „Anfang  2014 hatte ich keinen neuen Klub. Und Melly war wieder schwanger“, erinnert sich Glinker. Mit Zwillingen noch dazu.
Zu Hause Klein-Pia mit der wieder werdenden Mutter.  Und Glinker fern von seinem Drei-Mädel-Haushalt – wenn man seine französische Bulldoggendame  Lizzy miteinrechnet. Das alles bei einer Risikoschwangerschaft. Da hat man den Kopf voll.

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Glinkers geliebtes Motiv – der Magdeburger Dom bei Nacht.

Foto:

Matthias Kern

Zum Glück Vergangenheit. Phil und die kleine Phiby sind jetzt süße elf Monate jung.  Einen neuen Vertrag bis 2018 gab’s auch vom Weihnachtsmann. Und beim beruflich pendelnden Herrn Papa hat sich mittlerweile eine gehörige Portion Routine ins Leben gespielt.  
Zurück zu  seinen Spiegelreflexkameras. Immer mehr vertiefte Glinker sich in die Materie.  Aus seinem Erstling  Cannon 1200D wurde eine 7D, dann die 5D Mark III. Dazu die entsprechenden Objektive mit einer guten Lichtstärke. Kein ganz billiges Vergnügen.

Wenn andere Kollegen seiner Zunft schick Essengehen oder die angesagten  Bars der Stadt bevölkern, geht der 31-Jährige auf die Pirsch. „Ich habe in Magdeburg  Zeit, wir trainieren oft nur einmal am Tag.“  
Dann ist er unterwegs. Und betrachtet die Welt durch die Linse. Manchmal hat er sich sogar eigens Touren angeschlossen, die ihn zu wenig bekannten Plätzen führen.  

Über 1500 Likes hat seine Facebook-Seite „Glinker Fotografie“! Dort gibt es die Werke  zu bewundern. Sein Lieblingsmotiv, eine Nachtaufnahme des Magdeburger Doms, gefiel 35 000 Leuten. Nicht übel für einen – wie er  selber  mit ein bisschen Stolz sagt –  Hobbyknipser.

Alles selbst beigebracht zudem. Mehr oder weniger. „Ich hatte ja Youtube. Da gibt es viele hilfreiche Lehrfilmchen. Und aus Fehlern lernt man nur“, erklärt Jan lachend. Mittlerweile hat er auch schon für Freunde oder Bekannte Bilder gemacht. „Neulich hat mich ein Kumpel gebeten, seine Hundewelpen zu fotografieren. Das hat Spaß gemacht“, so Glinker, der selber Hundefreund ist.   

Doch lieber als bewegte Objekte  sind ihm Landschaften oder alte Gebäude. „Lost Places“ ziehen ihn magisch an. Der Hauch des Verwunschenen. Verfallene Fabriken. Alte Gemäuer. Da, wo die Witterung ihre Spuren hinterlassen hat. Da, wo der Zahn der Zeit an von Menschenhand Geschaffenem nagt.

Glinker und Familie

Jan Glinker im Kreis seiner Liebsten (u., v.l.):  Töchterchen Phiby Lea, die französische Bulldogge Lizzy, Pia Sophie, Freundin Melanie sowie Phibys Zwillingsbruder Phil Louis .

Foto:

Matthias Kern

Ein anderes seiner Lieblingsmotive ist eine Landschaftsaufnahme  bei Sonnenaufgang. Entstanden auf dem Weg zur Arbeit nach Magdeburg. „Nach dem Wochenende fangen wir gegen 8.30 Uhr an. Da fahre ich um 5 Uhr in Berlin los. Auf einer Fahrt musste ich einfach anhalten und dieses Bild machen,“ so Glinker. Wiederum alles andere als ein schlechter Schnappschuss. Glinker beweist Auge, nicht nur für Spielsituationen.

Sieht er später darin eine Berufung für die Zeit nach dem Profifußball? „Eher nicht. So gut kann man davon ja wohl nicht leben, habe ich gehört.“ Die Idee, als Torwarttrainer zu arbeiten, ist bei ihm noch nicht vom Tisch. Auch wenn es ihm an der Zeit  dafür mangelt, den Schein dafür zu machen. Denn noch stecken seine Magdeburger im Aufstiegskampf. Könnte auch das eine oder andere schöne Bild aus der Kabine geben, sollte dem FCM der große Coup gelingen ...

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