
Auf Felsen aufgelaufen: „Sea Diamond“: Das Kreuzfahrtschiff sank am 6. 4. 2007 vor der griechischen Insel Santorin, nachdem es einen Felsen gerammt hatte. Ein Franzose (45) und seine Tochter (16) starben. Alle anderen konnten gerettet werden.
Es geschieht jeden Tag auf den sieben Meeren: Schiffe sinken, Menschen sterben. Es finden nicht einmal alle Unfälle Eingang in die Statistik. Wenn allerdings Kreuzfahrtschiffe auf Riffe laufen und Passagiere ertrinken, ist die Welt entsetzt. Ferien machen und Tod – das passt nicht zusammen. Dabei wachsen die Risiken mit dem Kreuzfahrt-Boom.
Der bis heute größte verbuchte Zwischenfall ereignete sich im Jahr 255 vor Christi. Nach der Seeschlacht der Römer gegen die Karthager (Nordafrika) bei Kap Bon geriet die römische Flotte im Mittelmeer auf der Heimreise in einen mörderischen Sturm. 300 der 370 Schiffe wurden vom Meer verschlungen – samt 100.000 Mann.
Risiko Kapitän
Der Kapitän der „Costa Concordia“ wich am 13. Januar 2012 vom Kurs ab, rammte einen Felsen und verließ vor der Evakuierung von Passagieren und Besatzung das Schiff. Die Qualifikation der Offiziere (wenigstens auf Luxuslinern) ist zwar sehr gut, sagen Fachleute, aber es gibt Mängel. So müssen sie keine psychologischen Tests absolvieren. Wie reagieren sie auf plötzliche Gefahr? Wie gehen sie mit Panik um? Selbst Stewardessen an Bord von Flugzeugen müssen eine derartige Qualifikation nachweisen – Schiffskapitäne nicht.
Risiko Besatzung
Die Mannschaft auf Schiffen kommt oft aus aller Herren Länder. Das bringt ein babylonisches Sprachengewirr mit sich. Man kann sich im Notfall nur schwer verständigen. Verzögerungen und Chaos sind programmiert. 80 Prozent der Zwischenfälle auf See sind auf menschliches Versagen zurückzuführen. Statistisch gesehen kann jedes fünfte Crew-Mitglied nicht einmal schwimmen. Menschlich verständlich, dass sie im Unglücksfall zuerst an sich denken. Rette sich, wer kann!
Risiko Passagier
Auch die Urlauber kommen aus vielen Ländern. Die Notfall-Sprache an Bord ist in der Regel Englisch, was nicht von allen verstanden wird. Die Menschen sind in Urlaubslaune. Sicherheitsübungen werden von vielen als Teil des Unterhaltungsprogramms empfunden, also nicht richtig ernst genommen. Im Unglücksfall führt Nicht-Wissen zu Panik.
Risiko Technik
Zwar entsprechen neue Kreuzfahrer höchsten Standards, sind mit Elektronik vollgestopft. Aber das gilt längst nicht überall und für alle Schiffe. Von 2000 bis 2009 sanken zwei Kreuzfahrer – vor der griechischen Insel Santorin und in der Antarktis. Wie durch ein Wunder gab es dabei nur zwei Opfer.
Risiko Natur
Das Meer ist unberechenbar und Naturgewalten brechen wie aus heiterem Himmel über die Menschen herein. Launische Strömungen, Orkane gehören dazu. Die Struktur des Meeresgrundes kann sich verändern, so dass Seekarten plötzlich nicht mehr zutreffen. Zunehmend berichten Kapitäne von bis zu 30 Metern hohen Monsterwellen.
Risiko Profit
Wer Urlauber und Güter über Ozeane schippert, will Geld verdienen. Das erhöht die Gefahr. Kapitäne stehen unter Druck, kürzen eigenmächtig Routen ab, begeben sich in gefährliche Gewässer, um Zeit zu sparen. Andere drücken bei der Beladung des Schiffes ein Auge zu. Folge: todbringende Katastrophen.
Risiko Schiffsgröße
Höher, schneller, weiter – Kreuzfahrtschiffe werden nach diesem Motto gebaut. Der bislang größte Luxusliner wurde 2010 fertiggestellt. Die „Allure oft the Seas“ ist 360 Meter lang, 64 Meter breit; 6.300 Passagiere (300.000 im Jahr) und 2100 Crewmitglieder leben an Bord. Das Schiff ist 16 Decks hoch und durchpflügt mit 24 Knoten (44 km/h) die Meere. Rettungsmanöver werden zum logistischen Kunststück.
Risiko Wachstum
Auf allen Meeren boomt das Reisegeschäft. Allein 2010 buchten 1,2 Millionen deutsche Urlauber eine Hochseereise. 2015 werden es um die zwei Millionen sein. Berauschende Aussichten für die Reeder. Und so wächst auch die Zahl ihrer Luxusliner beträchtlich. In diesem Jahr stehen in Deutschland sieben Taufen an. 22 Kreuzfahrtschiffe sind bei Werften bestellt, 400 kreuzen weltweit Ozeane.
Risiko Schlamperei
Auch im Schiffsverkehr werden Anweisungen missachtet, Geschwindigkeitslimits ignoriert, das Alkoholverbot belächelt. Reiseveranstalter strichen 2010 mehr als zwei Milliarden Euro für Hochseefahrten ein – ein Plus von 7,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Und der Trend lässt eine strahlende Zukunft vermuten – für die kommenden Jahre werden zweistelligen Steigerungsraten angepeilt. Viele Aufträge für immer neue Kreuzfahrtschiffe liegen bei den Werften.
Zu Tausenden ruhen Wracks auf dem Meeresgrund. Das bekannteste: die „Titanic“. Das als unsinkbar geltende Luxus-Schiff rammte im April 1912 einen Eisberg, riss 1.500 Menschen mit in die Tiefe.
Heute geraten die schwimmenden Urlauberburgen in Brand, rammen Kaimauern, sitzen auf Sandbänken fest, treiben mit Maschinenschäden hilflos in den Wellen oder laufen auf Riffe.
Das Traumschiff wird zum Alptraum.

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