Sonntag, 28. August 2011
Quasselstrippen

Der große Plausch-Angriff

Von Anne-Kattrin Palmer

Der große Plausch-Angriff

Wie viel Talkshow verträgt die ARD? Fünf Moderatoren quasseln künftig um die Gunst der Zuschauer. Wir nennen Ihnen schon jetzt die Gewinner und Verlierer

Foto: ARD

Günther Jauch (55) ist ein Quotenkönig. Und wenn der beliebteste Deutsche „Ja!“ sagt, müssen andere eben zwangsversetzt werden. Jahrelang buhlte die ARD um den Moderator. Jetzt hat sie ihn, aber dafür müssen Anne Will, Reinhold Beckmann und Frank Plasberg auf neue Sendeplätze rutschen. Ab nächster Woche sehen die Zuschauer das Ergebnis des großen Stühlerückens: Fünf Talks gibt’s dann. Wer sind die Gewinner und Verlierer? Und wer will das eigentlich alles sehen?

Was für eine Rochade, was für ein Akt. Und alles für Günther Jauch, der 2006 noch an den komplizierten Strukturen des ARD-Senderverbunds gescheitert war, die er später als „Gremien voller Gremlins“ kritisierte. Schnee von gestern: Ab 11. September sehen wir den charmanten Moderator mit dem spitzbübischen Lächeln jeden Sonntag ab 21.45 Uhr. Andere TV-Konkurrenz? Höchstens das „Heute Journal“ oder ein Spielfilm. Jauch hat einen quotenträchtigen Mord im Vorlauf. „Tatort“ oder „Polizeiruf 110“ ziehen immer, die werden geguckt – und danach zappen die rund acht Millionen Zuschauer selten um. „Audience Flow“ (Zuschauerfluss) nennen das die Experten.

Jauch (er soll zehn Millionen Euro für die Produktion von 39 Folgen bekommen) hat es daher gemütlich auf seinem Königssendeplatz, auf dem bislang Anne Will saß. Polit-Talk wird der Schwiegermutterliebling servieren. Allerdings darf es auch mal „emotional bewegend“ sein, wie die ARD ankündigte. Nervös ist der Moderator schon. Jauch, ein Hüne, 1,93 Meter groß, stapelt eher tief: Er werde das Rad des Polit-Talks nicht neu erfinden können, Fehler machen und lernen müssen.

Die hohen Erwartungen sind in der Tat da. Wird er es packen? Medienwissenschaftler Bernd Gäbler zum Berliner KURIER: „Nach dem Krimi dürfte Herr Jauch seinen Talk mit etwa acht Millionen Zuschauern beginnen. Wenn es ihm gelingt, am Ende der Sendung immer noch drei Millionen Zuschauer zu halten, ist er schon der Quoten-König der Talker.“ Er müsse sich allerdings die Anerkennung als Polit-Talker noch erarbeiten.

Gäbler: „Günther Jauch ist zu Recht sehr populär. Er kann sehr gut die Fragen stellen, die allen auf der Zunge liegen. Jetzt muss er zeigen, ob er auch das tiefgründige, intellektuelle Gespräch beherrscht. Das wird spannend.“

Als die Entscheidung fiel, dass Jauch zur ARD wechselt, weilte seine Vorgängerin Anne Will (45) im Urlaub – und ihr Handy funktionierte nicht. Sie erfuhr es aus der Presse, dass sie weichen muss. Sauer war sie. Und dann sollte sie auch noch auf den schwierigen Donnerstag gelegt werden – als Konkurrentin gegen ZDF-Aushängeschild Maybrit Illner, die im Schnitt ein Vier-Millionen-Publikum hat.

Heute sei Anne Will aber sehr zufrieden, heißt es in ARD-Kreisen. Sie begrüßt uns nun mittwochs (22.45Uhr), hat 75 statt 60 Minuten. Ein Gast steht im Mittelpunkt, später kommen Kritiker hinzu. Ihr Motto lautet: „Politisch denken, persönlich fragen.“ Eine Quotenvorgabe gebe es nicht. Ihr Teamträume „von eineinhalb bis zwei Millionen“.

Medienexperte Gäbler: „Sie wird ihren Talk am stärksten verändern. Da muss sich erst noch zeigen, ob das klappt.“

Anne Wills erstes Thema heißt „Wut im Bauch“. Es geht um die Jugendkrawalle in Großbritannien, die brennenden Autos in Berlin, üble U-Bahn-Schlägereien. Spitzenkoch Tim Raue wird der erste Gesprächspartner sein. Will: „Der war in einer Jugendgang, und auch einer, der zugeschlagen hat.“

Den Schwarzen Peter gezogen hat Reinhold Beckmann (55). Sein Montag ist futsch, er sendet ab 1. September jeden Donnerstag um 22.45 Uhr, 75 Minuten lang. Hartes Brot für den ARD-Moderator (bislang 1,55 Millionen Zuschauer).

Konkurrentin Illner beginnt eine halbe Stunde früher. Und nach ihr flimmert der smarte Markus Lanz über den Bildschirm. Hinzu kommt: Beckmann wirbt für seine Sendung mit „großen Namen und starken emotionalen Geschichten“. Doch wenn er Pech hat, jagt ihm Jauch die großen Namen ab – wie beispielsweise Altkanzler Helmut Schmidt.

Beckmann trägt es mit Ironie, sagte im „Spiegel“: „Das habe ich auch gehört. Aber seien Sie gewiss: Helmut Schmidt entscheidet immer selbst, wo er hingeht. Wir haben jetzt auch mal zwei Wochen hintereinander den Papst eingetragen. Mal mit Dalai-Lama und mal ohne.“ Er gab aber zu, „eine charmante und starke Konkurrenz“ zu haben.

Am 8. September laufen die Talks von Boulevard-Mann Beckmann und Polit-Lady Illner das erste Mal parallel. Gäbler: „Ich glaube, dass Beckmann und Illner nebeneinander bestehen können. Beckmann wird sich noch weiter von tagespolitischen Themen entfernen.“

Am schwersten hat es Gäblers Meinung nach Frank Plasberg. Jahrelang moderierte der 54-Jährige seine Diskussionsrunde „hart aber fair“ beim WDR. Extremerfolgreich. Dann lockte das Erste. Er bekam den Fußball-Mittwoch um 21.45 Uhr. Eine harte Nuss, aber er knackte sie. Außer bei Champions League-Spielen. Jetzt sehen wir ihn ab dem5. Septembermontags.

Plasberg hat dann „Wer wird Millionär“ (RTL) im Nacken. Und er hat ein undankbares ARD-Vorprogramm. Naturdokumentationen, beispielsweise über das Leben der Elche. Nicht gerade ein Publikumsmagnet. Plasberg gab bereits zu, er stehe vor einer „herben Aufgabe“. Es sei sehr aufwendig, auch übers Wochenende Fakten und Gäste zu recherchieren. Freude hört sich anders an.

Sandra Maischberger (45) ist übrigens als einzige vom großen Stühlerücken verschont geblieben. „Menschen bei Maischberger“ bleibt am angestammten Sendeplatz: dienstags, 22.45 Uhr. Und es geht weiter um Hartz IV, Krebs oder Versicherungsärger. Talks mit Service-Charakter. Das zieht beim älteren Publikum.

Doch brauchen wir solch einen Talkshow-Overload? Gäbler (er ist Autor einer Studie zu diesem Thema) sagt: Nein! „Ich bin für ein vielfältiges journalistisches Angebot und nicht für solch eine Talkshow-Inflation. Das wissen die Hierarchen bei der ARD natürlich auch. Sie hatten vielleicht Angst, einen oder zwei ihrer fähigen Moderatoren vor den Kopf zu stoßen.“ Talkshows seien zwar sehr „populär“. Doch deren Bedeutung für die politische Meinungsbildung werde überschätzt. Vor allem, wenn in den zig Talks immer wieder die gleichen Gäste sitzen. Manche Politiker reden in solchen Runden mehr als im Bundestag.

Aber der Zuschauer hat glücklicherweise eine Waffe – die Fernbedienung.

Anzeige
Weitere Meldungen aus dem Bereich Promi & Show
Transformers Star Rosie Huntington-Whiteley stürzte von Platz eins auf Platz 11 ab.
Model führt die Liste an

Das US-Männermagazin ließ seine Leser abstimmen: Wer ist die heißeste Frau 2012? Wir zeigen die "Top Ten".  Mehr...

Fabrikarbeiterin Inge hat sich in Heinrich verguckt.
Bauer sucht Frau

Inge, die neue Flamme von Bauer Heinrich schwärmt von seinem Schäfer Heinrich: „Der Heinrich hat das gewisse Etwas. Der ist nett, lieb und schaut gut aus. Alles was ein Mann halt so braucht“, so die Fabrikarbeiterin.   Mehr...

Rambo tanzt den Euro:

Bei ihm ist der Name Programm: Rambo Amadeus  kann richtig böse gucken – und ist der wohl verrückteste Teilnehmer im ESC-Feld. Der Satiriker aus Montenegro will mit „Ethno-Electro-Funk-Jazz-Rap zur Euro-Krise“ punkten. Sein Motto: Tanzt den Euro! Könnte klappen. Seine Landsleute sind jedenfalls so überzeugt von ihrem Rambo, dass sie auf einen Vorentscheid gleich ganz verzichteten – und ihn direkt zum Sieger erklärten.
Rambo und Co.

Rappende Neonleuchten. Frauen-Hüften, die zum pumpenden Beat kreisen. Hyperaktive Sturmfrisuren-Träger. So schräg wird der Grand Prix!  Mehr...

Anzeige
Promi & Show
Anzeige
Anzeige
Handyreporter
Blaulichtkurier
Google Anzeigen
Top Stories
Neueste Bildergalerien
Berliner Kurier