Sonntag, 22. Januar 2012
Schüsse auf Benno Ohnesorg

Es war gezielter Mord


Schüsse auf Ohnesorg - politischer Mord?

Bildergalerie ( 7 Bilder )
Berlin –  

Der Todesschuss des West-Berliner Polizisten Karl-Heinz Kurras im Juni 1967 auf Benno Ohnesorg (†26) war einer der Auslöser für die 68er-Revolte und den Terror der RAF. Nach Kurras Enttarnung als Stasi-Spitzel 2009 prüften Richter, ob Kurras den Studenten im Auftrag der Stasi erschoss. Die Ermittler sind nun auf eine andere Verschwörung gestoßen. Das schreibt das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“.

Der Todesschütze Kurras (heute 84) hatte sich stets auf Notwehr berufen, war 1967 und 1970 vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung mangels Beweisen freigesprochen worden. Der „Spiegel“ schreibt nun, um „Kurras Tat eisern zu decken“, seien damals Spuren verwischt, Akten gesäubert, Fotos manipuliert und falsche Angaben gemacht worden. Nicht nur von Polizeikollegen.

Die Erkenntnisse stützen sich auf neu ausgewertete Fotos und Filmschnipsel vom Tatort. Einige waren bislang unbekannt, andere wurden erst durch moderne Technik erkennbar gemacht.

Anlässlich des Schah-Besuchs in West-Berlin waren Anhänger und Gegner am 2. Juni 1967 heftig aneinandergeraten. Der damalige Polizeieinsatzleiter Helmut Starke befahl um 20.07 Uhr: „Knüppel frei!“ In einem Hof in der Krummen Straße wird Benno Ohnesorg erschossen.

Später behauptete Starke, er habe Kurras nicht am Tatort gesehen. Doch ein Foto eines Polizeireporters zeigt die beiden Männer neben dem toten Studenten. Die Richter in den Prozessen gegen Kurras kannten das Foto, nur ohne Kurras – irgendwer muss ihn weggeschnippelt haben. Und weiter: Bislang unveröffentlichte Filmbilder zeigen, wie ein Mann, wahrscheinlich Kurras, unbehelligt den späteren Tatort betritt, in seiner Hand hält er offenbar eine Schusswaffe. Auf einem weiteren Foto ist zu sehen, wie Kurras auf den toten Studenten schaut.

Ein Kripo-Mann, auf den sich Kurras mutmaßlich beim Abschuss stützte, wird von der Polizei nur einmal am Telefon befragt und Tonaufnahmen gelangen nicht zum Staatsanwalt, sondern bleiben im Panzerschrank der Polizei. Auf Rundfunk-Tonaufnahmen auf dem Hof ist 64 Sekunden nach dem Schuss zu hören: „Kurras, gleich nach hinten! Los! Schnell weg!“ Wer den Befehl gab, wurde nie geklärt.

Selbst das Krankenhaus Moabit, in das Ohnesorg eingeliefert wird, soll auf makabere Weise vertuscht haben. Das Schädelstück mit dem Einschussloch ist am nächsten Tag verschwunden und im Totenstein steht: „Tod durch Schädelverletzung durch stumpfe Gewalteinwirkung“. Der Arzt, der den Schein ausstellte, jetzt zum „Spiegel“: „Das machte ich auf Anweisung meines damaligen Chefs.“

Warum aber hat Kurras abgedrückt? Im Auftrag der Stasi, um die Lage in Westberlin zu destabilisieren? „Dafür gibt es keine Anhaltspunkte“, sagte gestern ein Sprecher der Bundesstaatsanwaltschaft in Karlsruhe. Bleibt eine Verschwörung der Berliner Polizei. Der Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele (Grüne) zum „Spiegel“: „Es ist schlimmer als das Übelste, was wir damals vermuteten.“ Jetzt erkenne er einen „Geheimbund“ in West-Berlin, „alle waren gegen uns.“ Nun gebe es einen hinreichenden Verdacht, dass Ohnesorg vorsätzlich ermordet wurde. MKL

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