Montag, 21. November 2011
Pilar fand in Berlin ihren Mörder

Das Mädchen aus dem Landwehrkanal

Von Philippe Debionne

Das Mädchen aus dem Landwehrkanal

Berlin –  

Eine junge Französin verlässt ihr kleines Dorf im Baskenland, um in Berlin als Künstlerin zu arbeiten. Sie tauscht die heimatliche Idylle der Pinienwälder an der Atlantikküste gegen vernebelte Techno-Partys in der Subkultur unserer Stadt. Hier fühlt sie sich glücklich, hier findet sie Gleichgesinnte. Und hier findet Pilar Valadié schließlich ihren Mörder.

Am Ende treibt die hübsche Französin tot im Landwehrkanal, eingepackt in schwarze Plastikfolie. Im vergangenen April schockte ein grausiger Fund die gesamte Stadt. Passanten hatten am Görlitzer Park „ein Bündel mit menschlichen Konturen im Wasser treiben sehen“, so ein Auszug aus dem damaligen Polizeibericht.

Selbst den hartgesottenen Mordermittlern stockte damals der Atem, als sie die mit Messerstichen übersäte Leiche der jungen Frau aus dem Wasser zogen. Tagelang war unklar, um wen es sich bei dem an Händen und Füßen gefesselten Körper überhaupt handelte, erst aufwendige Polizeiermittlungen brachten Licht ins Dunkel. Pilar Valadié lebte ein unkonventionelles Leben in Berlin, zuletzt außerhalb der Gesellschaft.

Aufgewachsen im malerischen Ort Cambo-les-Bains im Baskenland, 20 Kilometer vom Atlantik entfernt, zieht es Pilar nach der Schule in die nächst größere Stadt, nach Bayonne. Hier besucht die Französin zunächst die ortsansässige Hochschule der Künste. Doch während ihre Mitstudenten sich bei einem gut gekühlten Glas Weißwein unter der französischen Sonne über klassische Kunst unterhalten, begreift die attraktive Frau mit den vielen Piercings Kunst als Ausdruck der Rebellion, der Grenzüberschreitung, des Tabubruchs.

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In Bayonne fühlt sich die Frau unverstanden, die ruhige, entspannte Atmosphäre an Frankreichs Atlantikküste schnürt ihr die Luft ab. Und so zieht die junge Frau nach Berlin, in die Stadt, in der es keine Grenzen zu scheinen gibt.

Die junge Frau sucht sich eine kleine Wohnung in Kreuzberg, bereits nach wenigen Wochen hat sie Anschluss an die Künstlerszene gefunden. Unter dem Namen Pilar Bauman fängt sie an, elektronische Musik zu produzieren, dazu entwirft sie wilde Licht- und Videoinstallationen. Ihre Mutter Mathilde Valadié: „Alles lief doch eigentlich so gut bei ihr. Meine Tochter war sehr, sehr glücklich mit ihrem Leben in Berlin.“

Doch das nach außen so glückliche Leben gerät langsam, aber sicher aus den Fugen. Denn die Szene, in der Pilar Valadié ihre Musik und Videoinstallationen präsentiert und dafür gefeiert wird, wird bizarrer, unheimlicher, härter. Aus bauchfreien Oberteilen und kurzen Röcken werden Latexröcke und Fetisch-Outfits, in ihren Videos zeigt sich Pilar Valadié als Sklavin, die mit Ketten gefesselt und gedemütigt wird. Die anfangs erotischen Texte ihrer Songs werden mehr und mehr obszön und vulgär, einer davon wird sogar Hintergrundmusik in einem grenzwertigen Pornofilm.

Mit der harten Musik und den harten Videos kommen auch die Drogen in das Leben der inzwischen 27-jährigen Künstlerin. Es ist diese unheilvolle Kombination Kunst, Rausch und Ekstase, die Pilar Valadié in die Arme ihres Mörders treibt.

Am Abend des 18. April geht sie in den Görlitzer Park, sie weiß: Hier bekomme ich Drogen. Und dann trifft sie ihren späteren Mörder Oumar G. Der 29-jährige Mann aus dem Senegal ist einer der vielen Afrikaner, die Tag für Tag im Görlitzer Park herumlungern und dealen.

Oumar G. lockt die ahnungslose Valadié in seine Wohnung – und fällt dort wie ein Besessener über die junge Frau her. Elfmal sticht er mit einem Messer auf die schwächere Frau ein. In die Arme, in die Beine, in den Oberkörper, immer und immer wieder – bis sie sich nicht mehr wehren kann.

Während Valadié halbtot in ihrem eigenen Blut liegt, nimmt ihr Oumar G. seelenruhig zwei Handys, ein Notebook, Bargeld, ihre Ausweise und Schlüssel ab. Erst dann tötet er die junge Künstlerin.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Pilar Valadié noch lebte, als der Killer ihr laut Anklageschrift „mit zwei finalen Schnitten den Hals öffnete“. Anschließend packt der 29-Jährige die tote Frau in eine schwarze Folie und wirft die Leiche in den Landwehrkanal.

Ab Dienstag steht Oumar G. wegen Mordes vor Gericht. Sieben Monate, nachdem er eine junge Künstlerin so unfassbar grausam aus dem Leben riss.

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