Ein paar Hustentabletten und Köpfe von Zündhölzern zerbröseln, mit Benzin und Ameisensäure aufkochen, die beißende braune Brühe abkühlen lassen – und fertig ist „Das Krokodil“, bereit, auf Menschenjagd zu gehen.
„Krokodil“, auch „Krok“ genannt, ist die furchtbarste der neuen synthetischen Drogen. Wer sie erfand, weiß niemand. Man weiß: „Krok“ entstand als die Droge der Verwahrlosten und Verzweifelten Russlands, ein Heroin-Ersatz, kinderleicht und spottbillig herzustellen. Und: Drogenhändler haben fix geschnallt, dass damit ein Mordsgeschäft zu machen ist, so dass „Krok“ inzwischen auch in Berlin auftaucht.
Es ist in der Tat ein Mordsgeschäft: „Krok“ frisst seine Opfer. Russische Drogenexperten versuchen, potenzielle Konsumenten mit grauenhaften Fotos von Junkies abzuschrecken (die wir hier nicht zu zeigen wagen): Da faulen Finger und Zehen, suppt Eiter aus Geschwüren, lösen sich Haut und Fleisch in Fetzen vom Körper, blecken, wie abgenagt, Unterarm- und Schienbeinknochen.
KROKODIL
„Krok“ ist ein Heroinersatz. Die Überlebenschance nach der ersten Spritze: 1 Jahr. Seine Schadstoffe (Phosphor, Blei...) führen zu schwersten Gefäß- und Gewebeschäden, lassen Finger und Zehen absterben, Organe versagen.
Foto: zVgDer synthetische Drogenkick wird immer beliebter. Deutsche Fahnder sicherten 2011 eine halbe Million „Ecstasy“-Pillen (plus 110%). Deutlicher Anstieg auch bei der Droge „Crystal“ (plus 48,8%), bei Amphetamin und Methamphetamin (plus 17%).
„Synthetische Drogen sind inzwischen die nach Cannabis am häufigsten konsumierten“, sagt Mechthild Dyckmans, Drogenbeauftragte der Bundesregierung. In Deutschland gebe es rund 400000 Spice-Konsumenten, eine Million Ecstasy- und LSD-Konsumenten und zwei Millionen Menschen, die Speed nehmen.
„Das Drogenkonsumverhalten hat sich radikal verändert. Der Konsument mit der Heroin-Spritze im Arm – das ist Vergangenheit“, sagt Dr. Torsten Binscheck. Der Toxikologe und Pharmakologe leitet die „Labor Berlin GmbH“, die im vorigen Jahr im Auftrag vom LKA, Justizbehörden, Psychiatrien mit Straftätern und Drogenhilfe-Einrichtungen fast 200.000 Urinproben auf Drogen untersuchte. „Seit einigen Jahren erleben wir eine wahre Flut von immer neuen Substanzen.“
EU-Drogenfahnder entdeckten im vergangenen Jahr 49 neue psychoaktive Substanzen, 23 davon waren synthetische Cannabinoide. Das sind Substanzen, die zum Beispiel als Kräutermischung angeboten und als Joint geraucht werden, ähnlich wie Cannabis wirken und als „Spice“ bekannt sind. Auch synthetische Cathinone sind verstärkt auf dem Markt; sie werden geschluckt, geschnupft, gespritzt und wirken wie Kokain oder Ecstasy.
Ecstasy. Scheinbar täglich gibt es neue Präparate. Das Internetportal „drogen-info-berlin.de“ veröffentlicht aktuelle Warnungen zu Ecstasy und anderen Drogen. Derzeit warnt es vor einer pinkfarbenen Tablette mit dem McDonald’s-M. Sie steht mit einem Todesfall in Großbritannien in Verbindung. Auch in Berlin ist sie schon aufgetaucht.
Die kleinen bunten Pillen, die den „ultimativen Kick“ versprechen, aber schwerste Gesundheitsschäden und gar den Tod bringen können, sind erstaunlich leicht zu bekommen: „Im Internet, in U-Bahnen, in Fitnessstudios, an Unis und auf Schulhöfen, in Clubs, Bars und Parks“, sagt Dr. Torsten Binscheck. „Verscheucht man die Szene dort, taucht sie am nächsten Tag ungeniert woanders auf.“
Die Politik kommt mit dem Verbieten ohnehin nicht nach. Der Haken: Nach dem deutschen Betäubungsmittelgesetz können nur einzelne, exakt definierte Verbindungen verboten werden. Erfahren die Produzenten davon, wird die Mixtur leicht verändert – und schon gibt’s neue Drogen.
„Diese permanent neuen Substanzen machen mir Angst“, gibt Dr. Binscheck unumwunden zu. „Da wird auf Teufel komm raus experimentiert und gemixt. Die Kids in Europa sind nur noch Laborratten. Es ist ein Hase- und Igelspiel – wir müssen ständig analytisch aufrüsten, um mit der Drogen-Entwicklung mitzuhalten.“
Der Teufel steckt auch in „Crystal“, das vorwiegend aus Tschechien kommt. Dr. Binscheck: „Es sieht aus wie gecrashtes Eis, wird grammweise geraucht, gegessen, gespritzt und tötet dich im Zeitraffer. Man verliert seinen Verstand und geht grauenvoll zugrunde."
Große Sorgen bereitet ihm auch, dass die Langzeitwirkung der ständig veränderten Substanzen unklar ist. „Da rauchen Leute supercool ein synthetisches Zeug aus China oder werfen bei einer Party kleine ,Muntermacher’ ein, mit denen sie sich 24 Stunden lang in einen Rausch tanzen, und wundern sich vielleicht in zehn Jahren, dass sie ein Kind mit zwei Köpfen zur Welt bringen“. Er schüttelt den Kopf. „Das ist schon seltsam: Einerseits sind für viele Leute Bio-Lebensmittel und fair gehandelte Textilien unheimlich wichtig, aber dann rauchen sie ,ganz unbedenkliche Kräutermischungen’ oder schlucken ,ganz harmlose Gute-Laune-Pillen’ und machen sich damit kaputt.“
Und wie bekommen wir die „Labor-Drogen“ in den Griff? Christine Köhler-Azara, Drogenbeauftragte für Berlin: „Ich setze auf die Verantwortung jedes Menschen sich selbst gegenüber.“ Diese Verantwortung könne man nicht an den Staat delegieren.“ Aber mit der nächsten Änderung des Betäubungsmittel-Gesetzes werden auch wieder etliche neue Substanzen darin aufgenommen, unter anderen synthetische Cannabinoide.“
Dr. Torsten Binscheck: „An die Produzenten kommst du nicht ran. Da besteht vor Ort auch kein Interesse daran, denen das Handwerk zu legen. Wir haben es hier mit einem Tsunami zu tun, und unsere Behörden, ob Zoll oder Polizei, sind personell und technisch völlig überfordert.“ Die einzige Chance sieht er in Aufklärung. „Wir müssen den jungen Menschen klarmachen: ,Stellt euch vor, ihr nehmt was, man kann euch dann medizinisch nicht helfen und ihr verreckt!’“
„Das Krokodil“ lässt seinen Opfern keine Chance. Wer es sich regelmäßig in seinen Körper jagt, ist nach einem Jahr tot.

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