Immer wieder ereignen sich Überfälle in U-Bahnhöfen. Allein zwei innerhalb einer Woche gab es in Berlin: Erst wurde der 29-Jährige Markus P. von einem 18-jährigen Schüler zusammengetreten (der Täter musste nicht in U-Haft), dann wurde ein 21-Jähriger von drei Unbekannten niedergestochen.
Schnell vergessen sind die Opfer, für die eine lange Leidenszeit beginnt. Zu ihnen gehört auch der Malergeselle Marcel R. (30), der eine Prügel-Attacke nur mit sehr viel Glück überlebte. Seit etwas mehr als zehn Wochen ist Marcel R. Patient im Unfallkrankenhaus Marzahn (UKB). Hierher geprügelt haben ihn vier Jugendliche (14 bis 17 Jahre), die auf ihren Prozess warten.
Lange wird es wohl nicht mehr dauern, denn Marcel ist auf dem besten Weg, vernehmungsfähig zu sein. Für ihn aber spielt das im Moment eine untergeordnete Rolle.
Erst vor wenigen Tagen musste Marcel wieder auf die Intensivstation. 24 bange Stunden für Familie, Freunde. Nach dem Angriff auf ihn musste ihm ein Stück der linken Schädeldecke entfernt werden, damit das geschwollene Gehirn genug Platz hat. Jetzt haben es ihm die Ärzte wieder eingesetzt. Ein Schritt, wenn auch ein winziger, zurück in sein altes Leben.
Von dem ist Marcel noch weit entfernt. Eine kurze, panikartige Flucht, anschließend dutzende Faustschläge, Fußtritte gegen den Kopf, schweres Schädel-Hirn-Trauma, Hirnblutungen... Dass er überhaupt noch lebt, grenzt an ein Wunder.
So empfinden es auch die Ärzte, Schwestern und Pfleger im UKB. Fast täglich stehen sie in Marcels kargem Raum, staunen über ihren Patienten. Die Fortschritte, die er macht, sind selbst für erfahrene Krankenhausmitarbeiter kaum zu glauben. Die Zuversicht, die der hoffnungsvolle Chefarzt Ingo Schmehl vor wenigen Tagen äußerte, scheint tatsächlich berechtigt zu sein. „Marcel ist noch jung, er hat eine gute Prognose.“
Und wie: Einige Schritte kann Marcel schon selber gehen. Noch etwas wackelig auf den Beinen (seine rechte Körperhälfte war zeitweise gelähmt), kämpft er sich hinaus auf den Gang der Station, will weiter, muss dabei aber oft noch gebremst werden.
Auch das eigenständige Essen klappt – Thunfischpizza hat er am liebsten. Da sind einige Krümel, die ihm noch manchmal aufs T-Shirt kleckern, egal.
Zu sprechen fällt Marcel noch schwer. Noch zu oft sackt sein Körper zusammen, wenn er die Worte herauspressen will. Einen Satz aber beherrscht er perfekt: „Ich will wieder nach Hause."
Rein körperlich betrachtet, sieht es also ganz gut aus für Marcel. Wie es allerdings in ihm aussieht, ist unklar. Nur langsam kommen die Erinnerungen an jene verhängnisvolle Nacht wieder, in die er in ein Koma geschlagen und getreten wurde, das vier Wochen anhielt. Schweiß steht ihm dann auf der Stirn, die Augen flackern.
Zwar wird Marcel von Neuro-Psychologen betreut, aber die Attacke zu verarbeiten kann noch Jahre dauern. Vor allem, weil alte emotionale Wunden immer wieder aufgerissen werden. Denn die jüngsten Überfälle in Bahnhöfen gehen nicht spurlos an ihm vorbei, zum Beispiel die Prügel-Attacke auf Markus P. im Bahnhof Friedrichstraße. Auch dessen Zukunftspläne drohten innerhalb weniger Wimpernschläge zu platzen.
Lebenslang ein Opfer sein, dass will Marcel nicht. Triumphieren will er über den Hass, über die Gewalt, obwohl Narben, ob körperlich oder seelisch, ihn ein Leben lang zeichnen könnten.
Ob Marcel je wieder in seinem Malerberuf wird arbeiten können – hinter diesem Satz steht für die Ärzte, Schwestern und Pfleger noch ein großes Fragezeichen.
Doch Marcel glaubt an sich, auch weil seine Familie und Freunde an ihn glauben. Seine Mutter Lilo, seine Schwester Katja, sein bester Kumpel Danny – sie sind guter Dinge, dass er vollständig gesund wird.
Die Frage sei nur, wann.

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