Der bärtige Mann, der die Bank überfiel, bleibt vorerst ein Phantom.
Kriminaloberkommissar Sascha Haug grübelt. Die Ermittlungen in einem Pankower Erpressungsfall stocken. Noch einmal schlägt er die Akten auf, wieder blättert er sich durch die Seiten. Aber er findet nichts Neues. Dann greift er zur Gießkanne und gibt der Palme und einem der beiden Benjamini auf der Fensterbank frisches Wasser. Als er den zweiten wässern will, klingelt das Telefon: Raubüberfall Steglitzer Damm! Der Benjamini muss warten.
Vierzehn Minuten dauert die Fahrt vom LKA in Tempelhof bis zur Deutschen Bank am Steglitzer Damm 26. Das Karree um die Filiale herum ist bereits abgesperrt. Blaulicht, Kollegen und eine Menge Neugierige erwarten Sascha Haug. Was war geschehen?
Es ist 10.06 Uhr an diesem Donnerstag, den 3. März 2011, als ein bärtiger Mann mit Brille, Baseballcap und Sporttasche die Filiale der Deutschen Bank betritt. Er stellt sich seelenruhig in die Reihe der Wartenden.
Eine Frau in einem roten Kostüm, ein älterer Herr und ein junger Mann stehen vor ihm. Als der Bärtige an die Reihe kommt, geht alles sehr schnell. Mit bewegungslosem Gesicht schiebt er der Bankangestellten einen Zettel zu. Die liest, erblasst, zögert einen Augenblick und gibt den Zettel an einen Kollegen weiter.
Der stellt sich, Unheil ahnend, schützend vor die Frau und liest schwarz auf weiß:
1. iN MEiNER TASCHE iST EiNE BOMBE, DiE iCH iN 3 SEK. ZUR EXPLOSiON BRiNGEN KANN!
2. iCH FORDERE 40.000 EURO SOFORT!
3. SOLLTEN SiE ALARM o. POLiZEi RUFEN, SO WiRD ES TODE u. VERLETZTE GEBEN!
Der Bankangestellte geht zum Schalter und erklärt dem Mann mit Vollbart: „Ich bitte sie, lösen sie keine Panik aus! Ich gebe ihnen alles Geld, was verfügbar ist! Aber 40.000 Euro sind es bei weitem nicht! So viel Geld gibt die Kasse nicht her! Höchstens 2500 Euro! Ein bisschen habe ich auch noch in ausländischen Währungen! Wenn sie mehr haben wollen, müssen sie mit in den Tresorraum kommen!“
Der Bärtige schweigt, schüttelt den Kopf. Der Angestellte geht an die Geldzählmaschine, die nach wenigen Sekunden 2500 Euro auswirft, packt die vorhandenen Devisen hinzu und schiebt alles über den Tisch – insgesamt rund 5000 Euro. Der Räuber verlässt die Bank.
Es ist 10.11 Uhr.
Jemand ruft: „Scheiße, die Tasche steht ja noch da!“ Ein anderer schreit: „Raus, raus hier!“ Und alle rennen auf die Straße. Die ersten Funkwagen rasen mit Blaulicht heran.
„Die Kollegen vor Ort hatten weiträumig um den Steglitzer Damm herum abgesperrt und den Verkehr umgeleitet“, sagt Kriminaloberkommissar Sascha Haug. „Zwei Wohnblocks wurden evakuiert und das Bombenentschärfungskommando angefordert.“
Zwanzig Minuten später trifft die Sondereinheit an der Bank ein. In Schutzanzügen gehen zwei Feuerwerker auf die Bombe zu, knien sich neben die Sporttasche und untersuchen sie mit einem transportablen Röntgengerät. Totenstille. Millimeter für Millimeter tasten die beiden Männer das Gepäckstück ab. Nach acht Minuten heben sie die Hände, geben Entwarnung.Zwei Suchhunde führen die Beamten zu einem Hinterhofparkplatz in der Karl-Stieler-Straße. Hier verlieren sie die Fährte des Bankräubers.
Die Routinearbeit der Kriminalisten beginnt: Sie befragen Zeugen, begutachten und kopieren Videobänder. „Wir bemühten uns, alles so schnell wie möglich abzuwickeln“, erzählt Sascha Haug. „Insgesamt gab es acht Zeugen des Überfalls. Wir wollten die Angestellten nicht länger als nötig am Tatort festhalten. Sie hatten genügend durchgemacht. Für eine von ihnen war es schon der zweite Überfall in ihrem Arbeitsleben.“
Der Täter – 1,80 Meter bis 1,85 Meter groß, 40 bis 45 Jahre alt – hat viele Spuren hinterlassen: eine rot-graue, gefälschte Dolce & Gabbana-Sporttasche mit der Aufschrift „World & Wrestling Champion, The King“; ein französisches Brotzeitmesser der Marke „Laguiole Rossignol“ mit einem Vogel und einem Regenschirm auf der Klinge; Fingerabdrücke, die nirgends registriert sind; DNA-Spuren, die nicht zugeordnet werden können.
„Trotz aller Hinweise tappen wir immer noch im Dunkeln herum“, bedauert Sascha Haug. „Es ist, als befänden wir uns in einem Irrgarten voller Spuren und finden keinen Ausgang.“ Aus der Schweigsamkeit des Räubers schließt die Kripo, dass er vielleicht kein Deutsch spricht, oder sich mit seinem Akzent hätte verraten können. Auffallend an seinem Drohbrief ist, dass er bis auf das „i“ alles in großen Druckbuchstaben und „Tode“ statt „Tote“ schrieb. Möglich, dass er nicht aus Berlin, vielleicht noch nicht einmal aus Deutschland kommt. Denkbar ist aber auch, dass er mit seinem Verhalten die Ermittler täuschen wollte.
„Wir haben nach den Zeugenbeschreibungen gleich Phantomzeichnungen anfertigen lassen und sie nach einer richterlichen Verfügung zur Öffentlichkeitsfahndung herausgegeben – doch bisher ohne Erfolg“, sagt Kriminalhauptkommissar Burkhard Benter, Leiter des 3. Raubdezernats. „Jetzt ist erstmal der rote Deckel zugeklappt. Das heißt, wir haben alles getan, was wir konnten. Nun heißt es: Abwarten!“
Sascha Haug will nicht warten. Inzwischen ist er mehrmals am Tatort gewesen. Er hofft, dass es plötzlich Klick macht und ein neuer Anhaltspunkt auftaucht.
Sachdienliche Hinweise an: Tel. 030/4664 944 300 www.berlin.de/polizei

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