Das Foto zeigt Ray, kurz nachdem er in Berlin aufgetaucht ist.
Foto: PolizeiDas ist ja wohl die Täuschung des Jahres. Nur kann niemand darüber lachen. Die traurige Geschichte um den Waldjungen Ray, der am 5. September vergangenen Jahres plötzlich vor dem Roten Rathaus stand, ist erstunken und erlogen. Ray heißt tatsächlich Robin van H. und kommt aus den Niederlanden. Er ist auch kein Kind mehr, sondern ein erwachsener Mann von 20 Jahren.
„Er hat uns zum Narren gehalten. Wir sind mit ihm fertig“, sagt ein Polizist. Klar, dass man dort stinksauer auf ihn ist. Schließlich hatten die Fahnder fast ein Jahr lang versucht, ihm zu helfen. Robin alias Ray hatte ihnen von einer unglaublichen Tragödie berichtet. Dem Unfalltod der Mutter und einem Leben im Wald mit dem Vater. Bis dieser ebenfalls starb. „Ich habe ihn mitmeinen eigenen Händen vergraben“, log der angebliche 17-Jährige damals dreist (KURIER berichtete). Und alle glaubten ihm zunächst.
Der Waldjunge, so wurde er genannt, kam in einer Einrichtung für Betreutes Wohnen unter. „Er hatte dort ein eigenes Zimmer, einen Computer und ging zur Schule“, sagte ein Polizeisprecher. Robin van H. wurde umsorgt, fand Freunde und fühlte sich in seinem neuen Leben wohl. Bis die Berliner Polizei und das Jugendamt sich Anfang der Woche entschlossen, ein Foto von dem Waldjungen zu veröffentlichen.
Die Medien berichteten europaweit. Nur einen Tag nach der Veröffentlichung flog der unglaubliche Schwindel auf. Eine holländische Freundin erkannte Robin in einem Fernsehbeitrag über den Waldjungen. Seine Stiefmutter identifizierte ihn ebenfalls als ihren Sohn. Robin van H. stammt aus Hengelo. Eine Kleinstadt nahe der deutschen Grenze. Er lebt dort eigentlich in einer Wohngemeinschaft mit Freunden. Am 2. September vergangenen Jahres fuhr er nach Berlin. Als er nichtmehr zurückkam, meldeten seine Freunde ihn als vermisst. Da aber monatelang kein offizielles Foto von dem Berliner Waldjungen gezeigt wurde, sahen die holländischen Behörden keinen Zusammenhang zwischen den Fällen.
Und als das Jugendamt vergangenes Jahr sein Schicksal auf einer Pressekonferenz präsentieren wollte, lehnte er dies vehement ab. Dort entsprach man seinem Wunsch, weil er ja angeblich noch minderjährig war.
Für Robin van H. hieß es am Freitag Kofferpacken. „Er ist erwachsen, kann hingehen, wo er will. Außerdem hat er ja einen festen Wohnsitz in seiner Heimat“, sagte ein Polizist. Jetzt wird ein Ermittlungsverfahren wegen des Erschleichens von Sozialleistungen gegen ihn geprüft. Jeder Monat, in dem Robin van H. sorgenfrei in Berlin lebte, kostete 3000 Euro. Insgesamt kamen also 30 000 Euro für Schule und Unterhalt zusammen.
Auf die Frage hin, warum er der Polizei diese ungeheure Geschichte auftischte, gab er keine klare Antwort. Ein Freund Robins sagte dem holländischen Fernsehen, er habe Probleme mit sich selbst und schon lange vom Beginn eines neuen Lebens geträumt.
Zwei junge Franzosen wurden zehn Jahre lang von ihrem Vater in den Pyrenäen versteckt. Der Mann brachte die Söhne 1998 nach einem Besuch nicht zur Mutter zurück, sondern zog mit ihnen in die Berge nahe der spanischen Grenze. Zuletzt lebten die drei in einem Gehöft ohne Strom und fließendes Wasser. Sie hielten Schweine, Ziegen und Kaninchen und lebten von selbst angebautem Gemüse. Nachdem der „Waldmensch“ 2009 mit seinen inzwischen 17 und 18 Jahre alten Jungen entdeckt wurde, machte man ihm den Prozess. Er bekam eine milde Bewährungsstrafe, was auch an den Aussagen der Söhne lag: Sie berichteten von einer glücklichen Kindheit, in der es ihnen an nichts gefehlt habe. Ihre Mutter, die jahrelang nach ihnen suchte, hatten sie für tot gehalten.

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