Er galt als „Sieger der Herzen“, ins Schloss Bellevue schaffte er es nicht: Bei der Präsidentenwahl 2010 verlor Joachim Gauck im dritten Wahlgang gegen Christian Wulff. Jetzt ist seine zweite Chance gekommen: Nach dem Rücktritt des damaligen Siegers wird Gauck nun Präsident der Bundesrepublik.
Wer ist dieser Mann, der künftig im Schloss Bellevue residieren und der oberste Mann des Staates sein wird? Wir geben einen kurzen Überblick über sein Leben, seine Ziele und seine Liebe:
Gauck kam 1940 in Rostock zur Welt. Sein Vater verschwand für lange Zeit in einem Lager in Sibirien, als Gauck sechs Jahre alt war. Als evangelischer Pastor erlebte er später, wie das DDR-Regime brutal gegen Kirchenmitglieder vorging. Als sich 1989 in der Bevölkerung der Widerstand gegen die Führung formierte, führte Gauck als Sprecher des Neuen Forums in Rostock Demonstrationen an.
„Freiheit“ bezeichnet Gauck als sein großes Lebensthema, nachdem er selbst persönliche Erfahrungen in zwei Diktaturen gemacht hat: Jahrelang war sein Name vor allem mit der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit verknüpft.
Am Tag der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 übernahm er die nach ihm benannte Stasi-Unterlagen-Behörde. Bis 2000, als er die Leitung an Marianne Birthler abgab, stieg Gauck zum bekanntesten Gesicht der DDR-Demokratiebewegung auf. Verschiedene Angebote zur Übernahme von politischen Ämtern lehnte er danach ab.
Schon im Sommer 2010 wurde er von SPD und Grünen zum Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten nominiert. Dass er bei der durch Horst Köhlers überraschenden Rücktritt nötig gewordenen Wahl knapp an Wulff scheiterte, änderte nichts an seinem gewachsenen Stellenwert. Als brillanter Redner war der 72-Jährige im In- und Ausland weiter gefragt.
Gauck trat häufig in Talkshows auf, stand in politischen Debatten immer fest zu seiner Meinung – auch wenn er damit aneckte. In der Debatte um Thilo Sarrazin überraschte Gauck, als er dem kontroversen SPD-Mitglied „Mut“ bescheinigte und lobte, dass Sarrazin bestehende Probleme in der Gesellschaft offen anspreche.
„Unsäglich albern“
(16.10. 2011, zur Finanzmarkt-Debatte)
„Das wird schnell verebben.“
(16.10.2011, zur internationalen Protestbewegung „Occupy“)
„Wir dürfen uns von den Fanatikern und Mördern nicht unser Lebensprinzip diktieren lassen.“
(27.7.2011, bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele gegen die Einschränkung von Freiheitsrechten aus Sicherheitsaspekten als Reaktion auf Terror)
„Wir sind nicht dazu da, vor dem Verbrechen zu kapitulieren und vor dem Unheil zu flüchten.“
(29.11.2010, vor der Entgegennahme des Geschwister-Scholl-Preises)
„Denn als Bürger der DDR haben ich und viele andere Menschen im ganzen Osten Europas Ohnmacht erlebt und trotz Ohnmacht Ähnliches geschafft: Es gibt ein wahres Leben im falschen.“.
(10.10.2010 bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den israelischen Schriftsteller David Grossmann)
„Es schwächt die Schwachen, wenn wir nichts mehr von ihnen erwarten.“
(3.10.2010 bei einer Feierstunde im Berliner Abgeordnetenhaus zum Einheits-Jubiläum)
„Deutschland hat eine Liebhaberin der Freiheit verloren, und ich wünschte mir, sie würde viele Menschen anstecken mit dieser Liebe zur Freiheit und auch dazu, eine eigene Meinung zu haben und sie laut und deutlich zu vertreten.“
(12.9.2010 zum Tod der DDR-Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley)
„Ich würde in der Tradition all derjenigen Bundespräsidenten stehen, die sich gehütet haben, die Politik der Bundesregierungen zu zensieren. Mancher wünscht sich ja einen Bundespräsidenten wie einen Kaiser, als letzte Instanz über allem - das darf er nicht sein.“
(25.6.2010, bei seinem ersten Anlauf zur Präsidentschaft im Fernsehsender n-tv über sein Amtsverständnis.)
Gegner machte sich Gauck – vor allem unter jungen Bürgern – während der Diskussion um die „Occupy“-Proteste: Als überzeugter Anhänger von Kapitalismus und Marktwirtschaft unterstellte er den Protestlern „romantische Vorstellungen“. Die ganze Debatte bezeichnete der 72-Jährige in der „Zeit“ als „unsäglich albern“. Außerdem unterstützte er immer den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan.
Gauck ist bereits seit 53 Jahren verheiratet – lebt allerdings seit zwölf Jahren mit einer anderen Frau zusammen. Der Theologe hatte seine Frau Hansi im Jahr 1959 geheiratet und bekam mit ihre vier Kinder, die mittlerweile erwachsen sind. Bereits 1991 trennte sich das Ehepaar, doch es kam nie zur Scheidung.
Seit dem Jahr 2000 ist Gauck mit der Journalistin Daniela Schadt liiert, lebt mit ihr in „wilder Ehe“, führt eine Fernbeziehung zwischen Berlin und Nürnberg. Nun wird das Paar wohl erstmals zusammenziehen: im Schloss Bellevue.

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