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Montag, 25. Juni 2012

100 Tage Bundespräsident Gauck: Gut für Deutschland, schlecht für Merkel

Von DIERK ROHWEDDER

Sie hat ihn nicht gewollt – und muss sich nun mit dem Querdenker Gauck arrangieren – Kanzlerin Angela Merkel.
Sie hat ihn nicht gewollt – und muss sich nun mit dem Querdenker Gauck arrangieren – Kanzlerin Angela Merkel.
Foto: dpa
Berlin –  

Ein Präsident in wilder Ehe im Schloss Bellevue – darf der das? Als Joachim Gauck (72) vor gut 100 Tagen Bundespräsident wurde, schlug ihm aus katholischen Kreisen Skepsis entgegen. Inzwischen haben Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt die meisten Kritiker überzeugt.

Selten waren sich alle so einig: Der neue Bundespräsident „tut meist mit schlafwandlerischer Sicherheit das Richtige“, schreibt die „Süddeutsche“.

Was für ein schöner Sonntag“, sagte Gauck nach seiner Wahl am 18. März. Gegen den Widerstand von Angela Merkel, der anderen Ostdeutschen an der Staatsspitze, hatte die FDP seine Wahl durchgesetzt. Eine Sensation. Ein Neuanfang nach dem quälenden Ende des glücklosen Präsidenten Christian Wulff.

Inzwischen hat das Paar Gauck und Schadt – er gelernter Pastor, sie gelernte Journalistin – schwierigste Klippen umschifft. Vor allem die emotional aufwühlenden Antrittsbesuche in Polen, Holland, Israel, Palästina hat der neue Präsident mit Bravour genommen, hat auf Anhieb viele Herzen gewonnen.

Und seine Wirkung ist unübersehbar. 78 von 100 Deutschen finden in Umfragen Gaucks Amtsführung gut – ein sensationeller Wert im Vergleich zu den 41 Prozent nach 100 Tagen Wulff In Riesenschritten hat Gauck durch seine Reden die ramponierte Autorität des Amtes wiederhergestellt.

Nur eine dürfte mit den ersten 100 Tagen nicht sonderlich happy sein: Angela Merkel. Denn ihr Landsmann aus Mecklenburg ist ihr mehrfach in die Parade gefahren: Nach dem auch in der Union als eiskalt kritisierten Rauswurf von Norbert Röttgen fand Gauck bei der Verabschiedung betont positive Worte – Merkel stand wortlos daneben.

Ende Mai in Israel ging Gauck zu Merkels Aussage („Das Existenzrecht Israels ist Teil der deutschen Staatsräson“) auf Distanz. Gauck kassierte Christian Wulffs einziges Vermächtnis wieder ein, indem er sagte: „Die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland.“ Gauck eckte aber auch bei SPD und Grünen an, als er die „Planwirtschaft“ bei der Solarförderung kritisierte.

Gaucks jüngster Coup: Auf Bitten des Bundesverfassungsgerichts will er das Gesetz zum Betreuungsgeld nicht so schnell unterzeichnen, wie die Union es gerne hätte. Dieser Präsident ist unberechenbar, kantig, emotional. Ein Mann, der ungewollt zum Rivalen für Merkel werden könnte. Und die Deutschen finden es offenbar gut so.

Kommentar von Dierk Rohwedder über die ersten 100 Tage Gauck

Ganz großes Präsidenten-KinoEndlich der Richtige, titelte die Presse, als Angela Merkel, vom kleinen FDP-Rösler in die Enge getrieben, klein beigab und doch noch Ja sagte zu Joachim Gauck.

Rückblickend lässt sich feststellen, dass dieser knorrige Konservative in den ersten 100 Tagen oft den richtigen Ton getroffen hat.

Klar, dieser Präsident bricht Regeln, überschreitet lustvoll Kompetenzen, sonnt sich gelegentlich ein wenig zu sehr im Rampenlicht.

Aber er gibt der Kanzlerin auf unnachahmlich elegante Art Kontra. Wunderbar seine warme Abschieds-Lobrede auf den engagierten CDU-Umweltpolitiker Röttgen (den die Kanzlerin gerade gefeuert hatte), die Merkel schweigend über sich ergehen lassen musste. Ganz großes Kino, Danke, Joachim Gauck!

Erstaunlich auch, wie der ostdeutsche Pastor ohne diplomatische Vorerfahrung souverän die schwierigen Reisen zu den Holocaust-Opfern in Israel meisterte und das Treffen mit den Widerstandskämpfern in den Niederlanden.

Imponierend sein klares, mutiges „Nicht so schnell“ bei der Unterzeichnung des Betreuungsgeldes. Bitte weiter so, Herr Präsident!

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