Samstag, 11. Februar 2012
Sigmund Jähn

Der Sternenmann von nebenan

Von ANNE-KATTRIN PALMER

Der Sternenmann von nebenan: Siegmund Jähn

Sigmund Jähn, die Weltraum-Legende. Am 26. August 1978 fliegt er als erster Deutscher ins All, ...

Foto: IMAGO

Tausende Menschen starren gebannt in den Himmel, um einen leuchtenden Punkt, einer Sternschnuppe gleich, zu entdecken. Viele glauben fest daran, das Raumschiff da oben zu sehen. Natürlich auch, weil er drinnen sitzt: Sigmund Jähn, der erste Deutsche im All!

Es ist 15.51 Uhr an jenem 26. August 1978, einem Sonnabend, als Sigmund Jähn mit dem sowjetischen Kommandanten Waleri Bykowski in der Sojus 31 im kasachischen Baikonur mit einem Feuerschwall abhebt. Ziel ist die Raumstation Saljut 6.
Sieben Tage, 20 Stunden, 49 Minuten und 4 Sekunden liegen vor den Kosmonauten; 125 Mal werden sie die Erde umrunden, um dann zum blauen Planeten zurückzukehren.

„Alles sieht von oben so friedlich aus“, sagt Jähn später: „Man betrachtet diese wunderschöne Erde, und dann wird einem wieder bewusst, dass die Menschen da unten immer irgendwo einen Krieg führen.“

Damals herrscht der Kalte Krieg. Er trennt Ost von West. Und unten läuft die PR-Maschine der DDR auf Hochtouren. Stolz werden TV-Bilder von dem Siegeszug ins All gesendet. Selbst das beliebte Sandmännchen ist im Bild: In einem Astronautenanzug sitzt es neben Jähn. Zudem soll der Kosmonaut sozialistische Wimpel und Fahnen schwenken. Der Jagdflieger und Generalmajor der NVA wird schlagartig zum Helden – wenn auch wider Willen, wie er später oft sagt.
Die West-Presse dagegen stichelt gegen den im Vogtland geborenen Jähn, nennt ihn den „Sachso-Germanen“ und „Mitesser in der Russen-Rakete“. Neid ist auch im Spiel: Erst fünf Jahre später wird Ulf Merbold als erster Westdeutscher im Weltraum gefeiert.

Jähns spektakulärer Ausflug ins All ist inzwischen 33 Jahre her. Und morgen feiert der stille Mann seinen 75. Geburtstag. Er will um Gottes willen keine Jubelarien über seine himmlische Expedition. Das ist ihm peinlich, war es schon immer.
„Ich will nicht mehr darüber reden“, sagt er oft und gerne: „Irgendwann muss mal Schluss sein.“

Jähn feiert mit seinen zwei Töchtern Marina (52) und Grit (45), seinen sieben Enkeln (3 bis 31) und seiner Urenkelin, 2011 geboren. Und natürlich mit seiner Frau Erika (74), einer gelernten Schlosserin. Das Paar ist seit 54 Jahren verheiratet.
„Er ist inzwischen nur noch leidenschaftlicher Opa“, erzählt ein Freund, „er fährt die Enkel in den Kindergarten oder in die Schule – und das macht er mit Hingabe.“

Seit fünf Jahren hat sich Jähn aus dem Raumfahrtgeschäft zurückgezogen, jetzt jagt und liest er neben seinen Opa-Pflichten lieber. Und er pendelt. Mal lebt er in Strausberg in der Nähe seiner Kinder. Mal in seiner Datsche in seiner Heimat Morgenröthe-Rautenkranz, mal in seinem Zimmer im Sternenstädtchen in Moskau.

Jähn macht sich rar, doch er ist unvergessen. Es ist geradezu rührend, dass gerade Ostdeutsche heute noch glänzende Augen bekommen, wenn es um ihren „Sigi“ geht. Viele waren auf einer nach ihm benannten Schule, kennen alle seine Abenteuer oder hüten ein Autogramm ihres Idols wie einen Schatz. Der Sigi ist der Mann aus dem Volk, der es ganz nach oben geschafft und der nach den Sternen gegriffen hat, aber trotzdem bodenständig ist.

Jähns Biografie ist die eines Bilderbuch-Kommunisten. 1937 wird er als Arbeiterkind in der sächsischen Gemeinde Morgenröthe-Rautenkranz geboren. Es ist ein 900-Seelen-Örtchen, das nach seinem Ausflug ins All schlagartig bekannt wird, heute noch gibt es dort die „Deutsche Raumfahrtausstellung“.

In seiner Jugend ist er aktiver Pionier. Er macht eine Lehre als Buchdrucker. 1955 tritt er in die SED ein und beginnt die Laufbahn eines Offiziers bei der Nationalen Volksarmee (NVA), er wird Pilot bei den Jagdfliegern. 1976 beginnt die Ausbildung für den Flug ins All am sowjetischen Kosmonautenzentrum „Juri Gagarin“. Es soll die schönste Zeit für seine Ehefrau Erika gewesen sein. Denn plötzlich hatte ihr Mann mal einen geregelten Arbeitstag.

Den Fall der Berliner Mauer erlebt der Sachse, auch „fliegender Vogtländer“ genannt, mit dem Astronauten Merbold bei einem Treffen von Weltraumforschern in Saudi-Arabien. Dort sehen sie die Fernsehbilder der ausgelassen tanzenden Deutschen gemeinsam im Hotel. Die beiden sind seit 1984 befreundet. Im Weltraum gibt es keine Grenzen.

Und auch nach der Wende arbeitet Jähn im Dienste der Raumfahrt, nicht der Staaten. Bis vor wenigen Jahren unterstützt er als Ausbilder die Deutschen in Zusammenarbeit mit den Russen bei den Euromir-Langzeitmissionen der Europäischen Weltraumagentur ESA. Er berät Russland bei der Kosmonautenausbildung ebenso wie das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Alle mögen seine Bescheidenheit, seine Geduld.

Der Weltraum-Bummler ist lange allerdings nur ein „Ost-Held“. Das ändert sich, als 2003 der Kinofilm „Goodbye, Lenin“ rauskommt. In dem Streifen löst die Figur Sigmund Jähn Erich Honecker als Staatsratsvorsitzenden ab und öffnet die Grenzen zum Westen. Für sein Lebenswerk erhält Jähn 1999 den ostdeutschen Medienpreis „Goldene Henne“. Seit 2001 trägt auch ein Planetoid seinen Namen.

Rentner, Opa, Privatier – doch heute noch wirbt Jähn für die Raumfahrt. „Sie kann die Menschen zusammenbringen“, sagt er gerne. Er warnt vor Weltraumtourismus, „Spacetrips aus reinem Spaß oder bloßer Profitgier“.
Seine Botschaft: Die dringendste Aufgabe der Menschheit bestehe darin, „für die Erde liebevoll zu sorgen und sie künftigen Generationen zu bewahren“.

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