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Grausame Analyse: Letzte Worte aus der Todeszelle


Bett, Waschbecken, Toilette: Blick in eine Todeszelle im Texas State Prison in Huntsville. Kein Gefängnis in den USA vollstreckt mehr Todesurteile.
Bett, Waschbecken, Toilette: Blick in eine Todeszelle im Texas State Prison in Huntsville. Kein Gefängnis in den USA vollstreckt mehr Todesurteile.
Foto: dpa

Der Raum ist wenig mehr als drei Quadratmeter groß. Die Enge ist beklemmend, die Stille beängstigend.

Hier riecht man den Tod, sagte ein Kaplan, der in dem Raum war.

Ein Mann liegt auf der Pritsche in der Mitte des Raums, den Blick zur Decke gerichtet. Ledergurte halten seinen Oberkörper fest, die Arme, seitlich ausgestreckt, versehen mit Infusionsschläuchen, sind ebenfalls angeschnallt.

Unbeweglich wartet der Mann auf seinen Tod.

Der Kaplan legt die Hand auf einen Knöchel. Eine Geste der Beruhigung, die jeder Todeskandidat empfängt. Dann darf der zum Tode verurteilte seine letzten Sätze in das Mikrofon über seinem Kopf sprechen.

Liebe.

Familie.

Danke.

Das sind die drei häufigsten Wörter in den Sekunden vor der Giftspritze.

Der US-Autor und Blogger Jon Millward analysierte die häufigsten letzten Worte von Menschen, die in Huntsville, der Hauptstadt des Walker County im Osten von Texas, hingerichtet wurden.

Zurzeit warten 3000 Menschen in den Todestrakten von 35 US-Bundesstaaten auf ihren Tod, davon 398 in Texas, wo seit fünf Jahren zwei Drittel aller Exekutionen im Land ausgeführt werden. Fast alle drei Wochen eine.

Gabi Uhl aus Wiesbaden war dabei, als ihr Brieffreund Clifford Boggess, der bei zwei Raubüberfällen zwei Männer tötete (dem einen durchschnitt er die Kehle, den anderen erschoss er), mit der Giftspritze hingerichtet wurde. Es war der 11. Juni 1998, ein sonniger Tag und Cliffords 33. Geburtstag. Sie erinnert sich:

„Zu viert – drei Freunde Cliffs und ein Franziskanerpater – stehen eng gedrängt unmittelbar vor einer Glasscheibe... Buchstäblich zum Greifen nah liegt Cliff vor uns auf der Liege, festgeschnallt, die Arme mit den Infusionsnadeln ausgestreckt... In diesem Moment empfinde ich die Menschheit als unglaublich überheblich, weil hier Menschen im vollen Bewusstsein einem anderen Menschen das Leben nehmen. Gewiss, das hat Cliff auch getan, und das war schlimmstes Unrecht... Wem aber nützt sein Tod? Mir nimmt er einen Menschen, der mir in kürzester Zeit zu einem unschätzbar wertvollen Freund wurde... Cliff beginnt seine letzten Worte und wendet sich an die Angehörigen seiner Opfer, erklärt, dass es ihm leid tut... Während er zu uns spricht, ist sein Lächeln verschwunden, und die Mundwinkel zucken, als kämpfe er mit den Tränen. Dann blickt er nach oben, spricht ein Gebet, schaut noch ein letztes Mal in unsere Richtung, flüstert: »I love you.«“

Das Gift strömt in den Körper von Clifford Boggess. Es geht sehr schnell, er wird bewusstlos, rührt sich nicht mehr.

Gabi Uhl: „Nach Sekunden hören wir ein einziges Mal das einem Schnarchen ähnliche Geräusch, wenn die Lungen kollabieren und die Luft entweicht... Vier endlose Minuten schauen wir auf den leblosen Körper vor uns, bis ein Arzt den Raum betritt, Cliff untersucht und den Todeszeitpunkt als 18.21 Uhr verkündet. Es ist vorbei.“

Jon Millward war erstaunt über die sich stets wiederholenden gleichen Worte. Es sei fast so, als stammten sie von einem einzigen Menschen. „Ich habe die letzten Worte von 481 Männern und 3 Frauen nachgelesen, die durchschnittlich 10,6 Jahre im Todestrakt auf die Giftspritze warten mussten.“

Liebe.

Familie.

Danke.

Einige Todeskandidaten trugen Gedichte vor oder baten einen Wärter, von ihnen verfasste Sätze zu verlesen.

Vincent Gutierrez scherzte sogar vor seinem Tod. Weil sich die Wirkung des Giftcocktails über Minuten hinzog, fragte er in die Runde: „Wo ist der Ersatzmann, wenn man ihn braucht?“

Alles andere als komisch ist die Tat, wegen der Gutierrez die Giftspritze bekam: Er hatte einen 39 Jahre alten Soldaten ermordet, um dessen Auto als Ersatzteillager zu nutzen.

Zwei von zehn Straftätern in der Todeszelle von Huntsville bleiben stumm. Jeder zehnte Todeskandidat bestritt bis zu seinem letzten Atemzug, die Tat begangen zu haben.

Für Jon Millward ein schrecklicher Gedanke. Denn: Nach offiziellen Angaben wurden seit Wiedereinführung der Todesstrafe in Texas im Jahr 1976 zwölf Menschen für unschuldig erklärt.

Nach ihrer Hinrichtung.

Letzte Worte aus der Todeszelle: http://www.tdcj.state.tx.us/stat/dr_executed_offenders.html (Suchbegriff „Last Statement“ anklicken)

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