Fast zwanzig Jahre lang befanden sich die letzten persönlichen Aufzeichnungen von Erich Honecker bei seiner Frau Margot in Santiago de Chile: 400 handschriftliche Seiten, verfasst während seiner 169-Tage-U-Haft in Berlin 1992/93 – Wort gewordene Gedanken über seinen Alltag im Gefängnis, seinen Prozess, sein Leben, seine Krebserkrankung und das Ende der DDR. In einer großen Serie drucken wir Auszüge aus diesem Tagebuch.
23. August 1992
90/160, 92 Puls – etwas zu hoch. Woher es kommt? Ich weiß es nicht.
Springer beschäftigt sich mit meinem Geburtstag. Bringt eine ganze Seite in Bild. Nein, zwei Seiten. Das kann ich nicht ändern. Sie begreifen sich als Sieger und wollen einigen Gratulanten von vor fünf Jahren eins verpassen. Eine primitive Gesellschaft.
(…) Wenn man heute zurückblickt auf 1987, so kann man sagen, dass wir die Gunst des Augenblicks genutzt haben, um zu Ergebnissen zu kommen. Gorbatschow hat aber va banque gespielt. Es war deshalb nicht möglich, mit der BRD ein Übereinkommen zu treffen, das zu einer grundlegenden Verbesserung der Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten geführt hätte.
Er plante eine elektronische Wunder-Mauer: DDR-Staatschef Erich Honecker (1912-1994) wollte in den 80er-Jahren statt mit Schusswaffen ...
Foto: zVgGorbatschow wusste, dass keineswegs der Preis durch unser Handeln gesenkt wurde, den er für die Verschleuderung der DDR kalkulierte. Aber sein Preis sank in dem Maße, wie die Perestroika negativ griff und seinen Platz im Kreml gefährdet wurde.
Der Ruin der Sowjetunion, die Zerschlagung der KPdSU durch den Ukas Jelzins über das Verbot der Partei in Russland, die Einstellung ihrer Tätigkeit in den Staatsorganen, das alles hat schließlich den Bankrott der Perestroika offenbart. Gorbatschow blieb so konzeptionslos wie seine Politik von Anfang an war. Nur wollten uns das damals wenige glauben.

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