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2500 Botschaften: Lehrer sammelte heimliche Läster- und Liebeszettelchen


Tortz Handy und SMS immer noch sehr wichtig: Zettelchen in der Schule schreiben gehört einfach dazu.
Tortz Handy und SMS immer noch sehr wichtig: Zettelchen in der Schule schreiben gehört einfach dazu.
Foto: dpa

Die Schulzeit. Glanzbilder sammeln, später Panini Aufkleber. Die Lehrer – wenn sie einem den Rücken zudrehten, wanderten still und heimlich die Leidens-, Läster- und Liebeszettelchen hin und her. Ganz vorsichtig, nur nicht rascheln.

Auf den Botschaften stand unser Seelenleben. Und das war nur für unsereins bestimmt. Der Frust mit dem Pauker, der hämische Kommentar über seine ausgeleierte Cordhose, der Knatsch mit der Freundin, die tiefen Gefühle für einen Klassenkameraden.

Und bis heute gibt es den Klassiker „Willst Du mit mir gehen?“ auf ein Stück Papier gekritzelt. Und wie oft kam ein gnadenloses „Nein!“ als Antwort zurück.

Dokumente einer Zeit, jenseits von Klassenarbeiten und Nachsitzen. Günter F. Hessenauer ist Mathe- und Physiklehrer. Besser: Er war es. Seit 2005 ist der 72-jährige Nürnberger pensioniert.

Er ist ein ordentlicher Mensch. Und das führte ihn zu einer Mission, die heute museumsreif ist: Er sammelte nach den Schulstunden alles auf, was achtlos vergessen worden war – und fand sie, die Botschaften, die vielen Schülern die Schulstunden verleideten und verschönerten.

Und das bis heute. Trotz Smartphones, SMS und E-Mails. Briefchen schreiben – das zieht auch heute noch. Vor allem bis zur sechsten Klasse. Danach ebbt es ab.

Um die 2500 Zettelchen hat Günter F. Hessenauer gesammelt. In fast fünf Jahrzehnten. „Ich wollte die liegengebliebenen Papierabfälle entsorgen und hab’ dabei gesehen, dass da einige originelle Dinge auf den Zetteln stehen.“ Damals, 1968, da dachte sich der Lehrer, damit könne man sicher „was Nettes gestalten“.

Jetzt, nach seiner Pensionierung, schenkte er die Sammlung der Universität Erlangen. Und nun sind sie erstmals im Museum für Kommunikation in Frankfurt am Main ausgestellt (bis 17. Februar 2013). Eine Premiere in Deutschland.

Günter Hessenauer sammelte jahrelang Zettelchen seiner Schüler ein. Sein Schatz wird in Frankfurt am Main ausgestellt.
Günter Hessenauer sammelte jahrelang Zettelchen seiner Schüler ein. Sein Schatz wird in Frankfurt am Main ausgestellt.

Matthias Rösch, Leiter des Nürnberger Schulmuseums, hat den riesigen Hessenauer-Fundus ausgewertet.

Die Hälfte der Zettel beschäftigt sich mit Liebe und Herzschmerz, zuweilen verdichtet zu Weisheiten wie dieser: „Mädchen sind wie Pilze. Die schönsten sind die giftigsten.“

Beliebt sind auch Sätze wie diese: „Nico, ich find dich süß.“ Oder: „I love Udo“.

Natürlich werden auch Lehrer, der Unterricht und Klassenkameraden ausführlich behandelt: „Langweilig. – Was?“ „Mir nicht – von allen Seiten bekomme ich Zettel.“

Und was reizt die lieben Schüler am Briefeschreiben? Matthias Rösch: „Es ist eine existenziell notwendige Sache, sonst würden die nicht trotz Verbots und Strafen so intensiv schreiben. Und man kann auch rausziehen, dass es nicht nur ein soziales Ventil ist, sondern dass da auch wirklich klar definiert bleibt, wer ist mein Partner, zu welchem Netzwerk gehöre ich, was habe ich da für einen Status.“

Die Zettel sind zudem Zeugen des jeweiligen Zeitgeistes. Eine Botschaft wie „Leihst Du mir mal die Kassette von Cat Stevens aus?“ gehört ganz klar in die 1970er Jahre.

Andere Notizen wiederum erscheinen zeitlos, wie diese: „Holger, Du Arsch, wer hat Dir erlaubt, den Zettel zu lesen?“

Das älteste Stück ist die Anfrage einer mutmaßlichen Außenseiterin, datiert von 1968: „Kann ich in der Pause mit Gummihüpfen? Ja/Nein – bitte ankreuzen“, fragt sie schüchtern. Die knallharte Antwort: „Heidi sagt: Nein.“

Auch ein Briefchen mit dem Inhalt „Ich bin hässlich“ zeigt, dass es nicht nur spaßig ist, was da in den Klassenzimmern so kursiert.

Und wehe, man wird erwischt! Ein Schüler: „Da kriegt man mehr Ärger, als wenn die ein Handy einsammeln. Weil: Wenn man eine fette Lehrerin zum Beispiel auf ein Blatt malt, dann ist das schon böse, wenn die das einsammelt und das sieht. Dann hasst die dich ein Leben lang.“

Matthias Rösch jedenfalls möchte das Zettel-Schreiben-Verhalten nun erforschen. „Das ist ja eine Art Subtext zum Unterricht, eigentlich nicht für die Augen des Lehrers bestimmt. Diese Botschaften verraten viel über die Beziehungen innerhalb der Klasse.“

Na, ob das die Schüler so toll finden...

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