E_Paper_BK
BERLINER KURIER - Berlins ehrliche Boulevardzeitung im Netz
Berliner-Kurier.de | Viele unbeantwortete Fragen: Spurensuche in den Trümmern des Terrors
03. November 2012
http://www.berliner-kurier.de/5593834
©

Viele unbeantwortete Fragen: Spurensuche in den Trümmern des Terrors

Schweigsam sitzt die Gefangene 4876/11/3 in der JVA Köln-Ossendorf. Sie wirkt abgeklärt, telefoniert zweimal im Monat mit ihrer Oma. Vor einem Jahr verlor sie ihre „Familie“.

So bezeichnete Beate Zschäpe (37) ihre Neonazis-Kumpels Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die sich am 4. November 2011 in Eisenach erschossen. Der letzte Akt des Terror-Stücks Nationalsozialistischer Untergrund (NSU). Zehn Morde, Banküberfälle und Bombenanschläge klärten sich auf, ein nicht für möglich gehaltenes Versagen der Sicherheitsbehörden wurde deutlich.

Noch heute gibt es offene Fragen. Wer suchte die Opfer aus? Was wussten die Neonazis vor Ort? Schwer vorstellbar, dass Mundlos und Böhnhardt auf eigene Faust handelten.

Beispiel Rostock: 2004 wurde hier Mehmet Turgut erschossen. In der Hansestadt existiert eine starke rechte Szene, hier ist die militante „Weiße Bruderschaft“ der „Hammerskins“ aktiv.

Beispiel Dortmund: Die Stadt gilt als Hochburg des westdeutschen Rechtsextremismus. Nicht weit vom Tatort des Mordes an Mehmet Kubasık (2006) existierte die Eckkneipe „Deutscher Hof“. Hinter zugehängten Fenstern feierte ein Jahr vor dem Mord Siegfried B. alias „SS-Siggi“ mit seiner Neonazi-Hooligan-Truppe „Borussenfront“ den Jahrestag ihrer Gründung.

Beispiel Nürnberg: Hier gab es drei Morde, hier agiert die verbotene „Fränkische Aktionsfront“ (FAF) – und die hat enge Kontakte zum Thüringer Heimatschutz, der „Heimat“ des NSU-Trios.

Woher kamen die Waffen? Allein im Fiat Capron, in dem sich Mundlos und Böhnhardt erschossen, wurden zwei Pumpgun Mossberg, zwei Revolver, eine Maschinenpistole, eine Pistole, ein Signal-Revolver und eine Handgranate gefunden. Auch in Zwickau hortete das Trio dutzende Waffen. Bislang ist nur von wenigen geklärt, woher sie stammen.

Was weiß Beate Zschäpe? Sie war an keinem der Tatorte. Trotzdem wird ihr die Bundesanwaltschaft wohl Beihilfe zum Mord in allen zehn Fällen oder sogar Mittäterschaft vorwerfen.

Spielte sie nur das brave Hausmütterchen, das für ihre beiden Mitbewohner kochte und putze? Unwahrscheinlich. Ermittler gehen sogar davon aus, dass sie der ideologische Kopf der Bande war, „die Hosen anhatte“.

Zschäpe war die Finanzchefin, überwachte das bei den Raubzügen ihrer Männer erbeutete Geld. Urlaubsbekanntschaften erinnern sich, dass sie immer bar zahlte und meist mehrere hundert Euro im Geldbeutel mit sich herumschleppte.

Gab es ein zweites Terror-Nest? Nachbarn berichten, das Trio wäre „zu 70 Prozent“ nicht Zuhause gewesen. Auch die wenigen in Zwickau gefundenen Klamotten deuten darauf hin.

Was droht den bislang bekannten Helfern? Unklar. Nur der Ex-NPD-Funktionär Ralf Wohlleben (soll dem Trio eine Waffe beschafft haben) sitzt derzeit noch in Untersuchungshaft. Die anderen sind auf freiem Fuß.

Was passiert mit den rechten V-Männern? Unklar. Rechtsextremismus-Experten fordern deren sofortige „Abschaltung“. Die in die Neonazi-Informanten gepumpten Gelder sollten in örtliche Präventions-und Aufklärungs-Strukturen fließen. So könnte ein viel aufschlussreicherer Informationspool aufgebaut werden.

Werden auch in der Politik Köpfe rollen? Der CDU-Sicherheitsexperte Clemens Binninger drängt auf weitere Aufklärung der Ermittlungspannen nach den Anschlägen in Köln 2001 und 2004. „Wir müssen uns mit Blick auf Nordrhein-Westfalen die Frage nach der politischen Verantwortung für die gravierenden Versäumnisse stellen.“

Wird es eine offizielle Entschuldigung bei den Opferfamilien für falsche Verdächtigungen geben? Im Leben von Ali Tasköprü, Vater des erschossenen Süleyman Tasköprü, zerstörten falsche Verdächtigungen und Ermittlungen der Polizei viel.

Öczan Yildirim, Besitzer eines Friseurladens in der Kölner Keupstraße (Anschlag 2004), regen die Verdächtigungen noch heute auf: „Freunde und Familienangehörige haben mir nicht geglaubt, das Süleyman kein Verbrecher war. Ich werde mich deshalb mit ihnen nie wieder an einen Tisch setzen, nie wieder ein Wort mit ihnen reden. Die Behörden konzentrierten sich auf Schutzgelderpressung. Wir haben gesagt, es war fremdenfeindlich. Und dann haben sie gelacht.“