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Berliner-Kurier.de | Demonstration: Die gruselige Allianz der Vor-Vorgestrigen
19. September 2014
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Demonstration: Die gruselige Allianz der Vor-Vorgestrigen

Im vergangenen Jahr versammelten sich 4000 „Lebensschützer“ zum Marsch in Berlin. 2014 sollen es mehr werden.

Im vergangenen Jahr versammelten sich 4000 „Lebensschützer“ zum Marsch in Berlin. 2014 sollen es mehr werden.

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dpa

Böttcher -

Am Sonnabend treffen sich vor dem Bundeskanzleramt mehrere tausend Menschen zum „Marsch für das Leben“. Sie fordern unter anderem die Abschaffung von Abtreibung, Papst Franziskus schickte ein Grußwort. Harmlose Bibeltreue? Nein, sagen Kritiker. Die Lebensschutz-Bewegung ist eine Allianz von christlichen Fundamentalisten, der Neuen Rechten und dem extrem konservativen AfD-Flügel.

13 Uhr wird’s voll am Hauptbahnhof. Die Teilnehmer werden weiße Holzkreuze und Schilder mit der Aufschrift „Ungeborene sind keine Rohstoffe“ durch Mitte tragen. Klingt erstmal vernünftig. Doch es steckt mehr dahinter. „Die Bewegung ist Magnet für völkisch-nationalistisches Gedankengut“, so Ulli Jentzsch. Der Berliner veröffentlichte das Buch „Deutschland treibt sich ab“ (Unrast-Verlag). Paradebeispiel: Die Vorsitzende der AfD in Sachsen, Frauke Petry. Sie verkündete: „Die deutsche Politik hat eine Eigenverantwortung, das Überleben des eigenen Volkes, der eigenen Nation sicherzustellen.“ Sie fordert, dass jede deutsche Familie drei Kinder haben sollte.

Einige ihrer Mitstreiter fordern, den Abtreibungsparagrafen 218 abzuschaffen. Sogar über eine gesetzliche Geburtenrate wird nachgedacht. Gleichgeschlechtliche Partnerschaften, Feminismus, Homosexualität und Pränataldiagnostik (damit lassen sich zum Beispiel Behinderungen schon im frühen Schwangerschaftsstadium erkennen) lehnen sie ab. Jentzsch: „Es wird eine rückwärtsgerichtete Familienpolitik gefordert. Viele Frauen brechen aus sehr guten Gründen eine Schwangerschaft ab. Die Bewegung bezeichnet das als Euthanasie.“

Und geht aktiv dagegen vor. Laut Jentzsch betreiben von den 60 „Lebensschutz“-Gruppen in Deutschland die Hälfte Informations- und Lobbyarbeit gegen Abtreibungen. Die andere Hälfte bietet Schwangerenberatungen an, ohne einen Beratungsschein auszustellen, der für einen straffreien Schwangerschaftsabbruch notwendig wäre.

Der Marsch wird neben dem Papst auch von Bischöfen und Bundestagsabgeordneten unterstützt. Und im Europaparlament ist mit der rechts-konservativen Beatrix von Storch (AfD) eine Aktivistin vertreten. Dem „Bundesverband Lebensrecht“ mit Sitz in Mitte wirft Jentzsch vor, sich im Grenzbereich zwischen Konservatismus und Rechtsextremismus zu bewegen. So befindet sich im Verband unter anderem der Verein „pro conscientia“. In dessen Vereinsblatt finden sich neben fundamentalistischer Bibeltreue rechte Ideologiefragmente wie Islamfeindlichkeit oder extremer Antifeminismus.

Der Protest regt sich. Unter anderem meint die SPD-Bundestagsabgeordnete Eva Högl, dass alle Frauen und Mädchen das uneingeschränkte Recht auf Selbstbestimmung über ihr Leben und ihren Körper haben. „Diese Proteste unter dem Deckmantel des Begriffs Lebensschutz sind tatsächlich der Versuch, uns gesellschaftlich um mehr als 40 Jahre zurückzuwerfen“.