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Volksaufstand in der DDR: 17. Juni 1953: Der Tag des Donners

Es braut sich was zusammen. Viele Menschen ahnen das. Aber niemand, kein Bürger und kein Funktionär, ahnt im Juni 1953, dass ein Sturm der Entrüstung über die DDR hereinbrechen und ihre Führung beinahe hinwegfegen wird.

Unbeirrbar treibt die DDR-Führung die Sowjetisierung ihrer Gesellschaft voran. Der „Aufbau der Grundlagen des Sozialismus“, im Juli 1952 verkündet, soll Bauern sowie Handel- und Gewerbetreibende durch erhöhte Abgaben zur Aufgabe ihrer Selbstständigkeit zwingen. Wer sich weigert, wird enteignet. Und muss mit Haft rechnen.

Die Versorgungslage verschlechtert sich, die Preise steigen. Um dem entgegenzuwirken, entzieht die DDR-Führung im April 1953 zwei Millionen Bürgern die Lebensmittelkarten, allen voran den Selbstständigen. Den Betroffenen bleiben nur die staatlichen HO-Läden, wo Grundnahrungsmittel ein Vielfaches kosten.

Es braut sich was zusammen. Auch Wolfgang Jähnichen ahnt das. Trotz seines Alters von noch nicht ganz 14 Jahren ist der Schüler auf dem Laufenden. „Den Bauern und Selbstständigen ging es an den Kragen“, erzählt der heute 73-jährige Wolfgang Jähnichen, der damals in Dresden lebte. „Und da mein Vater als Steuerberater zu den Selbstständigen zählte, bekam auch er keine Lebensmittelkarten mehr und musste in den HO-Läden die überteuerten Grundnahrungsmittel kaufen.“ Ein Beispiel: „Ein Brötchen auf Marke kostete 5 Pfennige, im HO-Laden 65!“

Die gesellschaftliche Wetterlage verdüstert sich im Mai 1953, als die DDR-Führung beschließt, die Arbeitsnormen um zehn Prozent zu erhöhen (mehr Arbeit für gleichen Lohn). Da geht es auch den Arbeitern an den Kragen.
Historiker Jens Schöne: „Die ideologisch begründeten Gewaltakte gegen die eigene Bevölkerung hatten die DDR spätestens im Frühjahr 1953 an den Rand des ökonomischen und gesellschaftlichen Kollaps geführt.“

Moskau beobachtet die DDR mit wachsender Sorge, weil immer mehr Bürger in den Westen abwandern. Waren es 1952 rund 182.000, sind es in den ersten fünf Monaten 1953 schon 157.000. Der große sozialistische Bruder verordnet seinem kleinen einen „Neuen Kurs“: Einige Maßnahmen zum Aufbau des Sozialismus werden zurückgenommen. Viele Bürger nehmen das mit Erleichterung auf, viele andere mit Misstrauen, bleibt doch die Arbeitsnormerhöhung bestehen.

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