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Nordkorea: Ferien im Land der Lügen

Es war 1988. Da hörte Christian Eisert das erste Mal von ihr – von Kim Ilsungs regenbogenfarbener Wasserrutsche. Einem bunten Symbol von Spaß und Freiheit, das der damalige Machthaber Nordkoreas in Pjöngjang gebaut haben soll. Mitten in die Diktatur, in der Propaganda und Überwachung den Alltag bestimmen. Das faszinierte den Ost-Berliner Schüler, gerade einmal zwölf Jahre jung.

Es war 25 Jahre später. Da erfüllte sich der Berliner Comedy-Autor einen Wunsch: Er reiste in die demokratische Volksrepublik. Um das bunte Rutschbauwerk zu suchen. Und viele Überraschungen zu finden – im Reich von Kim Jong-un.

Zusammen mit seiner vietnamesischen Freundin Thanh Hoang reiste er rund 1500 Kilometer durch das abgeschottetste Land dieser Erde. Getarnt als Touristen, mit falschen Biografien. Denn: „Journalisten werden nicht nach Nordkorea gelassen. Oder wenn sie inkognito einreisen und entdeckt werden, ins Lager gesteckt“, sagt Eisert über Gefahr und Reiz der Reise.

Mit beidem gingen er und seine Begleitung sehr unterschiedlich um. „Ich war eher der Paranoide von uns“, sagt Eisert. Thanh Hoang eher gelassen: „Ich war schon in 123 Ländern, komm ...“, erinnert er sich an ihre einstige Gelassenheit. Trotzdem: Verräterische Gespräche in der Öffentlichkeit wurden gemieden, sobald es heikel wurde, das Gesprächsthema geändert.

Und sie sollten herausfinden, dass die paranoiden Befürchtungen nicht ganz unbegründet waren. Der nordkoreanische Reisedienst untersteht zwar der Abteilung Devisenbeschaffung des Geheimdienstes, offiziell gaben sich die Geheimdienstmitarbeiter aber als Reiseleiter und Dolmetscher aus. „Dass eine zweite Gruppe Aufpasser des Geheimdienstes direkt im Hotelzimmer nebenan wohnte, das haben wir erst in den letzten zwei Tagen bemerkt.“ Nach kurzem Schock folgten klassische Geheimdiensttricks: „Wenn wir uns unterhielten, lief der Fernseher laut. Oder das Wasser in der Dusche“, erklärt Eisert.

Ein Verhalten, das ihm mittlerweile ganz normal vorkam. Denn nach seinem größten Gänsehaut-Moment konnte den Berliner nichts mehr schocken: Ein Tanz an der Grenze zu Südkorea. „Da rechnet man mit allem, da könnten theoretisch jeden Moment 15 Millionen Soldaten aufeinander zustürmen.“ Aber statt Militär hörte Eisert „Tränen lügen nicht“. Eine Cover-Version aus dem CD-Player. „Dazu tanzte ich mit einer Seidenkleid-Dame. An der gefährlichsten Grenze der Welt ...“ – im abgeschottetsten Land der Erde, auf der Suche nach Kim Il-sungs regenbogenfarbener Wasserrutsche. Auf deren Spur Eisert erst am Ende der Reise kam. Inmitten vieler weiterer bunter wie skurriler Eindrücke: Autobahnen ohne Autos, Hotels ohne fünftes Stockwerk und Händetrockner mit blauem Umweltengel aus Deutschland.

All das kann man in „Kim und Struppi – Ferien in Nordkorea“ nachlesen: ein 300 Seiten-Reisebericht aus dem gleichsam unbekanntesten wie skurrilsten Land der Welt. Am 15. Mai, 19 Uhr, liest Eisert daraus vor: im Literaturhaus Berlin in Zusammenarbeit mit der Menschenrechtsorganisation „Saram – Menschen für Nordkorea“.