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Berliner-Kurier.de | Honecker & Arafat: Die Geschichte einer Männerfreundschaft
17. December 2011
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Honecker & Arafat: Die Geschichte einer Männerfreundschaft

Arafat konnte sich selbst in schlimmen Krisen auf die Hilfe von Honecker verlassen.

Arafat konnte sich selbst in schlimmen Krisen auf die Hilfe von Honecker verlassen.

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Berliner Verlag

Palästina. Heute ist der Name dieses Landes auf Weltkarten zu finden. Gerade hat Island Palästina, das Fleckchen Erde aus Westjordanland und Gaza-Streifen, als erster westeuropäischer Staat anerkannt. Doch ohne Yassir Arafat (1929–2004), den charismatischen Palästinenserführer, würde es diesen Staat nicht geben. Und, so enthüllt Arafats ehemaliger Deutschland-Gesandte Abdallah Frangi, auch nicht ohne Erich Honecker!

Der Mann, der das behauptet, weiß, wovon er spricht: Frangi, 1943 in Beerscheva als Sohn eines Gutsbesitzers geboren, kam Anfang der 60er Jahre von Gaza nach Frankfurt am Main zum Medizinstudium. Doch schnell wurde der Kampf für Palästina wichtiger als die Uni. Wie in vielen europäischen Metropolen suchte auch Flüchtlingskind Frangi Mitstreiter für die Sache seiner Landsleute. Ihr Idol: Arafat, Kampfname Abu Amar, Chef der PLO, der palästinensischen Freiheitsorganisation. Binnen weniger Jahre stieg der junge Frangi zu Arafats rechter Hand im Zentrum Mitteleuropas auf.

„Ich wusste immer, wie und wo Arafat zu erreichen war und konnte ihn jederzeit anrufen“, erinnert sich Frangi, der heute Berater von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas ist. „Er wurde dann an den Apparat geholt.“

In vielen Ländern der Welt galten Arafat und seine Kämpfer der Fatah (Bewegung zur Befreiung Palästinas) als Terroristen. Es gab Flugzeugentführungen, Bombenanschläge... Und die Geiselnahme von israelischen Sportlern bei den Olympischen Spielen in München 1972 durch die Gruppe „Schwarzer September“ unter Ali Salameh. Fast 20 Menschen sterben bei der (dilettantischen) Befreiungsaktion.

Für Frangi und andere Palästinenser in der Bundesrepublik hatte das Folgen. „Als Reaktion wurden 335 palästinensische Studenten aus der BRD ausgewiesen. Das war ein Fehler, weil sie mit dem Attentat nichts zu tun hatten. Denn die meisten von ihnen sind heute sehr erfolgreich, etwa als Geschäftsleute in Kuwait oder Saudi-Arabien. Die DDR hat diese jungen Leute damals aufgenommen.“

Es war der Start einer engen Zusammenarbeit zwischen SED-Regime und PLO. Der Beginn der Männerfreundschaft zwischen dem Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker und Fatah-Führer Yassir Arafat, weiß Frangi. „Arafat war Erich Honecker dankbar, dass er ihn immer um Hilfe bitten konnte. In der DDR wurden junge Palästinenser als Ingenieure und Ärzte ausgebildet. Kranke und später verwundete Palästinenser wurden etwa an der Berliner Charité behandelt.“

Unzählige Tote und Verletzte markierten den Weg Arafats und seiner Gefährten in den folgenden Jahrzehnten. Immer wieder, etwa nach der Invasion der israelischen in Armee 1982 im Libanon, zog „Abu Amar“ seinen Kopf aus der Schlinge. Nach monatelangen brutalen Kämpfen sicherten die USA, Großbritannien und Frankreich ihm und seinen Kriegern freies Geleit aus Beirut zu. Doch ein Jahr später drohte der PLO die Spaltung und das Ende – da schlug die Stunde von Erich Honecker.

„1983 gab es heftige Kämpfe zwischen der Fatah unter Abu Dschihad und den syrischen Einheiten in Tripoli im Norden des Libanon“, erinnert sich Frangi. „Es erschien selbstmörderisch, aber Arafat reiste, verkleidet als Geschäftsmann, über Zypern nach Tripoli.“

Nach Arafats Besuch kämpften die Palästinenser weiter, aber die Sowjetunion lehnte ab, Waffen zu schicken. Hilfe kam aus Ost-Berlin. „Honecker hat sie ihm gegeben und in den Libanon geschickt: Leichte Waffen, Raketenwerfer, Kalaschnikows, vor allem Munition. Das war der Beginn einer menschlichen Beziehung zwischen den beiden.“ Ende 1983 endeten die Kämpfe, die PLO-Kämpfer verließen den Libanon.

Frangi selbst empfand Honecker zwar nicht als sympathisch, hat aber Respekt davor, dass hier zwei Menschen zueinanderhielten. „Arafat hat Honecker diese Hilfe nie vergessen. Als Honecker im Exil in Chile war, hat Arafat ihm einen Mitarbeiter geschickt und gefragt, was er brauchte. Und er hat ihn unterstützt, genauso wie seine Frau Margot.“

Heute durchzieht eine Mauer die Heimat von Abdallah Frangi, der teilweise in Gaza, teilweise in Deutschland lebt. „Die Berliner Mauer war bis zu vier Meter hoch. Die Mauer, die Palästina durchschneidet, ist neun Meter hoch und raubt uns zehn Prozent des palästinensischen Staatsgebietes.“

An das Osloer Abkommen von 1993, das den Friedensprozess regelt, fühle sich heute kaum ein Politiker Israels gebunden. Man hätte viel von der Wiedervereinigung Deutschlands lernen können. Doch mit dem Attentat auf Jitzchak Rabin 1995 sei der Friede sowie die gute Entwicklung der Wirtschaft in Palästina zugrunde gegangen.

Frangi zeichnet ein düsteres Bild: „In der Westbank fühlen wir uns wieder israelisch besetzt, Gaza gleicht durch die Blockade einem riesengroßen Gefängnis.“ Aber eines sei erreicht: „Der Name Palästina kann nicht wieder ausradiert werden.“