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Hochwasser-Katastrophe Im Notlager der Verzweifelten

Stendal -

Es ist das Lager der Verlorenen. Hier herrschen Tränen, Ungewissheit, Ärger. Nach dem plötzlichen Deichbruch in Fischbeck in Sachsen-Anhalt mussten Hunderte Bewohner in Minuten ihre Häuser verlassen. In einer Schule in Stendal sind sie untergebracht, warten auf die Heimkehr. Und das Leben nach der neuen Jahrhundertflut.

Alles, was sie noch besitzt, passt in eine Einkaufstüte. Der Rest, persönliche Dinge, Erinnerungsstücke, Kleidung, Möbel – all das ist in Fischbeck. Verschluckt von den unbarmherzigen Fluten der Elbe. „Für mich ist in der letzten Nacht eine Welt zusammengebrochen“, sagt Monika Höhn (57). Dann kullern die Tränen.

Höhn, blaue Jeans, weißes T-Shirt, kurze blonde Haare, Brille, sitzt in einer Schule in Stendal, etwa fünfzehn Kilometer von ihrem Heimatort Fischbeck entfernt. So nah – aber augenblicklich doch so fern. Sie ist müde. „Ich habe die letzten 36 Stunden nicht geschlafen“, sagt sie. „Es ist alles so furchtbar schlimm.“

Damit, dass es den kleinen Ort so heftig treffen würde, rechnete niemand. Alle beobachteten angespannt das steigende Hochwasser, erinnerten sich an die Flut von 2002. Damals hielt der Deich, der das kleine Örtchen vor dem Wasser schützen sollte. Dieses Mal brach er.

Innerhalb kurzer Zeit sammelte die Polizei die Anwohner ein, brachte sie in die Berufsschule in Stendal. Höhn sagt: „Wir konnten nichts zusammenpacken.“ Und weint. Es ist der schreckliche Moment, in dem ihr klar wird: Sie hat wohl alles verloren. „Jetzt haben wir Spenden bekommen, damit wir erstmal etwas zum Anziehen haben.“

Auch die anderen Bewohner des Dorfes harren hier aus. Zwischen langen Korridoren, Wandtafeln, Betten. Irgendwo weint ein Kind. Sie warten darauf, in ihre Häuser zu können. Auch wenn das, was dort wartet, sie wohl bis ins Mark erschüttern wird. Es heißt, Fischbeck habe es so heftig erwischt, dass Häuser bis zum Dach überflutet sind. Wie viel die Elbe schon vernichtet hat, kann hier niemand sagen.

Wie Höhn musste auch Axel Scherer (51) mitten in der Nacht und total überstürzt seine vier Wände verlassen. „Wir haben uns unsere beiden Hunde geschnappt, uns ins Auto gesetzt“, erzählt er traurig. „Jetzt bin ich arm wie eine Kirchenmaus.“

Die örtliche Arbeitsagentur hat sich darum gekümmert, die Flut-Flüchtlinge mit dem Nötigsten zu versorgen. „Erst war das Lager leer, mitten in der Nacht standen hier plötzlich 350 Leute, die Hilfe brauchten“, sagt Mathias Naumann (36). Er half, die Unterkunft und Spenden zu organisieren. „Viele haben nichts mehr, manche nicht mal einen Ausweis.“

Und was bringt die Zukunft? Axel Scherer zog erst vor zwei Jahren in das Haus, das jetzt überflutet ist. „Hätte ich das gewusst, wäre ich nicht nach Fischbeck gekommen“, sagt er. „Ob ich wegziehe, weiß ich noch nicht. Das hängt davon ab, ob ich finanzielle Hilfe bekomme.“ Eine Versicherung hat er nicht.

Für einige muss es weitergehen, das Leben in ihrer geschundenen Heimat. Sagt zumindest Monika Höhn. „Ich bin in Fischbeck aufgewachsen, habe hier mein Leben verbracht. Ich gehe hier definitiv nicht weg.“

Höhn, Scherer und all den anderen Opfer bleibt nur: abwarten. In der Notunterkunft. „Wir hätten auch zu einer anderen Familie ziehen können“, sagt Scherer. Doch das wollte er nicht. „Hier im Lager sind wenigstens auch andere Leute aus dem Dorf. Mit denen kann man reden, wenn man mal einen schwachen Moment hat.“ Dann stockt seine Stimme, die Tränen kommen.

Doch Scherer reißt sich schnell zusammen. Geweint wird später. Und wenn es etwas gibt, was den Bewohnern von Fischbeck jetzt hilft, kann es mit Sicherheit nur eines sein: die Hoffnung.


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