E_Paper_BK
BERLINER KURIER - Berlins ehrliche Boulevardzeitung im Netz

Der Sinneswandel des Michael Beyerlein: Früher war er rechtsradikal — heute engagiert er sich für Flüchtlinge

Michel Beyerlein bei der Arbeit. In Afrika leistet er Aufklärungsarbeit - das war vor Jahren noch nicht abzusehen.

Michel Beyerlein bei der Arbeit. In Afrika leistet er Aufklärungsarbeit - das war vor Jahren noch nicht abzusehen.

Foto:

Michael Beyerlein

Chemnitz -

Er war Bezirksvorsitzender der rechten „Republikaner“, hetzte gegen sogenannte „Asylanten“. Doch dann drehte sich sein Leben um 180 Grad. Heute ist Michael Beyerlein (56) mit einer Frau aus Uganda verheiratet und leistet Arbeit für Flüchtlinge.

In den Achtziger Jahren klebte der gebürtige Franke Plakate mit überladenen Flüchtlingsbooten an die Wände. Die Botschaft: „Das Boot ist voll. Wir wollen keine weiteren Flüchtlinge, das Land wird ansonsten durch 'Überfremdung' überspült.“ Heute sieht er das völlig anders - obwohl die Flüchtlingsthematik wieder die Schlagzeilen beherrscht. Wie kam es zu dem Sinneswandel?

Besuch in Flüchtlingsheim änderte alles

Auslöser für die 180-Grad-Wende war eine Auto-Panne eines befreundeten Ex-Fußballspielers im Jahr 2000. „Mein Freund hatte damals in Straubing einen kanadischen Missionar kennengelernt und mich immer wieder gefragt, ob ich nicht mitkommen möchte“, erklärt Beyerlein. „Natürlich wollte ich nicht.“ Er habe zu der Zeit keinen Bezug zum Glauben und schon gar nicht zu Ausländern gehabt.

Dann aber die Autopanne: Der Freund bat ihn, sein Auto abzuschleppen und ihn zu dem Missionar zu bringen. „Der Missionar hat mir dann anders von Jesus erzählt, als ich es bis dahin gehört hatte“. Es entstand eine enge Freundschaft, fast jeden Sonntag fuhr Beyerlein zu ihm.

„Eines Tages nahm er mich mit zu seiner Arbeitsstelle - er arbeitete in einem Flüchtlingsheim. Erstmals sah ich ein Flüchtlingsheim von innen“. Dieser Moment war für den damaligen Rechtsaktivisten der Wendepunkt in seinem Leben. „So eine Gastfreundschaft habe ich noch nie erlebt vorher. Die Flüchtlinge hatten sich so sehr gefreut uns zu sehen, sind uns mit einer unglaublichen Herzlichkeit begegnet und wollten alles teilen, was sie hatten - obwohl das nicht viel war.“

Es war das Ende seiner politischen „Karriere“. Er trat aus der rechtsradikalen Partei aus, ließ sich evangelisch taufen und begann ein Theologie-Studium. Später predigte er selbst.

Jetzige Frau ist Afrikanerin - und war seine Dolmetscherin

Beyerlein begann, sich zunehmend für die Herkunftsländer von Flüchtlingen zu interessieren. Gemeinsam mit seinem Freund, dem Missionar Gordon, plante er 2011 eine Reise nach Ruanda.

Viele in seiner Gemeinde hatten Geld für die Reise gespendet: „Ich hatte totale Flugangst, aber nachdem eine Familie aus dem sächsischen Vogtland Geld gespendet hat, damit ich die Reise antreten kann, musste ich quasi mitfliegen.“

Seitdem fliegt Beyerlein in regelmäßigen Abständen nach Ruanda und Uganda, um dort zu helfen und Seminare für „natürliche Medizin“ zu organisieren. Was das ist? „Natürliche Medizin ist zum Beispiel Artimesia Annua gegen Malaria und Moringa, ein Baum, der alle Vitamine, Mineralstoffe und mehr in konzentrierter Form hat.“ Er glaubt, dass man mit solchen Mitteln vielen Menschen helfen kann.

In Uganda lernte er seine jetzige Ehefrau Sissi kennen. Sie war seine Dolmetscherin. Heute leben sie zusammen im Erzgebirge.

Heute will er aufklären

2013 gründete Beyerlein in Chemnitz die „Chemnitzer Brücke.“ Die „Brücke“ ist eine Einrichtung für Migranten und Flüchtlinge, die ihnen dabei helfen soll, besser in die Gesellschaft integriert zu werden. Wer möchte, kann sich bei Kaffee und Kuchen zusammenfinden, praktische Alltagshilfe in Anspruch nehmen oder von einer Kleidersammlung profitieren.

Heute ist Beyerlein bei der Diakonie im Erzgebirge angestellt und für die Koordination von Flüchtlings- und Asylfragen zuständig. „Meine Aufgabe ist es dort, Gemeinden und Kirchen zu besuchen und Aufklärungsarbeit zu betreiben. Und wenn dann der Wunsch besteht, mit Flüchtlingen zusammenzuarbeiten, dann stelle ich den Kontakt her.“

Seine alten Kontakte zur rechten Szene in Sachsen sind abgerissen. Die „Pegida“-Bewegung in Sachsen habe ihn zum Feindbild erklärt, sagt er. Das sieht er aber gelassen: „Ich sehe Pegida nicht als Feind, war auch nicht auf Gegendemos.“

Seine Aufgabe sieht er heute in der Aufklärungsarbeit über Flucht und Migration. Sein Lebenslauf erinnert ein wenig an die biblische Geschichte von Saulus, der einst auf die Jagd nach Christen ging und später selbst als Missionar unterwegs war. Beyerlein selbst weißt den Vergleich aber entschieden zurück: „Es ist bestimmt eine tolle Umwandlung, aber ich werde mich bestimmt nicht mit Paulus vergleichen. Das ist drei Nummern größer.“


Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?