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Sonntag, 20. Mai 2012

Ohne Verpflichtungen: Der Sex der Zukunft

Von JOACHIM ORTMANN

Andere Zeiten, andere Sitten. Das war schon immer so. Forscher sagen: Liebe und Sex werden immer unromantischer.
Andere Zeiten, andere Sitten. Das war schon immer so. Forscher sagen: Liebe und Sex werden immer unromantischer.
Foto: Fotolia

Das Herz macht Sprünge, wir fühlen uns im 7. Himmel. Die Liebe verdreht uns den Kopf: Wir schwören ewige Treue, genießen das Zusammensein, leiden, wenn wir getrennt vom Partner sind. So ist das. Und so wird es wohl auch immer sein. Oder? Stimmt nicht, sagen jetzt Zukunftsforscher. Und skizzieren ein Horrorszenario für alle Romantiker.

Verliebt, verlobt, verheiratet. Nach Ansicht der Forscher vom Zukunftsinstitut Frankfurt /Kelkheim ist das schon sehr bald ein alter Hut. „Traditionelle Partnerschaften und Rollenbilder spielen eine immer geringere Rolle“, heißt es in der Studie. Und weiter: „Dafür werden Beziehungen, die vertraglich vereinbart sind, Gelegenheits-Sex ohne gegenseitige Verpflichtung oder Sex nach Terminkalender immer häufiger Anklang finden.“

„Moralvorstellungen, wie sie beispielsweise von den Kirchen geprägt werden, lassen kontinuierlich nach“, glaubt Andreas Steinle, einer der Forscher. Mit der Folge, dass Liebespraktiken, die lange als Sittenverfall gebrandmarkt wurden, als völlig normal bewertet werden. Glaubt man Steinle, dann bestimmen „individuell ausgehandelte Dates“ zunehmend das Leben der Paare in Deutschland.

In Zukunft auch nicht mehr so wichtig: Seitensprünge. Die verlören immer stärker das Stigma des Betrügens und moralisch Verwerflichen, schrieben die Forscher schon vor Jahren in einer anderen Studie. „Smart Sex“ könne sich etablieren, den Krieg der Geschlechter entschärfen und gleichzeitig Frauen und Männern bei der persönlichen Entfaltung jenseits von Scham und Schuld helfen. Vor allem Menschen „in der Mitte ihres Lebens“ werden, was das Fremdgehen angeht, „liberaler, versöhnlicher und weniger dogmatisch“ damit umgehen.

Also Vorfahrt für die freie Liebe? Nicht unbedingt.

Einerseits werden polyamore Beziehungen – also die Duldung mehrerer Intim-Partner – immer alltäglicher, glauben die Zukunftsforscher. Das habe aber nicht mit einem hemmungslosen Partnerwechsel zu tun – also Sex mit anderen, ohne dass der oder die Partner unter Liebeskummer oder Eifersucht leiden müssen.

Andererseits werde es mehr Paare geben, die gänzlich auf Sex verzichten. Und doch in einer festen (aber asexuellen) Beziehung leben. Klösterliche Enthaltsamkeit ohne jedes Gelübde. Kann angeblich auch glücklich machen. Wenn schon keine feste Partnerschaft, dann doch wenigstens freundschaftliche Vertrautheit – mit gelegentlichem Sex. Oder noch unverbindlicher: das „Casual Date“. Unkomplizierter Gelegenheits-Sex „ohne moralische, häusliche oder finanzielle Verpflichtung“.

In Zeiten von hoher Arbeitsbelastung, Kindererziehung, Pflege und Zeitmangel bleibt wohl nur Sex nach dem Terminkalender. Intime Stunden zu festen Terminen. Wie auch immer, wann auch immer: Der Geschlechtsakt wird geplant. Das, so sagen die Forscher, werde in Zeiten hoher Mobilität „schon heute von Psychotherapeuten empfohlen, um verloren gegangene innige Intimität zurückzuerlangen“.

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Es tut sich also eine ganze Menge in Sachen Liebe, Sex und Partnerschaft.

Und es geht dank Internet alles viel schneller. Menschen mit ihren „verschiedenen und bisweilen speziellen Neigungen“ könnten so leichter ihre potenziellen Partner finden. Das Internet wirke bei der Entwicklung neuer Beziehungsgeflechte „wie ein Verstärker“, so Zukunftsforscher Andreas Steinle. Schon heute finden fast 25 Prozent der Deutschen ihren Partner über ein Single-Portal. Fast 7,8 Millionen Männer und Frauen sind regelmäßig in solchen Foren unterwegs. Was vor allem intellektuellen Frauen nütze. Die, so Steinle, fordern mit der Gleichberechtigung nun auch das Recht auf erotische Selbstbestimmung ein.

Auch wenn christliche Moralvorstellungen immer mehr an Wert verlieren: Die traditionelle Zweierbeziehung mit Jawort und Trauschein bleibt erhalten. Als „vorherrschendes Modell“, wie Steinle glaubt, „aber längst nicht mehr in dieser Dominanz“.

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