Sehen Leute sie durch Schmargendorf spazieren, lächeln sie ihr zu, wenn sie Veronika Fischer erkennen. Freundliche, zustimmende Blicke, die zu sagen scheinen: „Hey Veronika, schön dich zu sehen.“ Sie lächelt in sich hinein, denkt: „War wohl gar nicht so schlecht, was du gemacht hast.“ Mit mehr als 1,5 Millionen verkauften Platten war sie die erfolgreichste Sängerin der DDR. Und sie ist immer noch da, geht im März auf „Zeitreise“. So heißt ihre CD, mit der sie tourt.
Lange, blonde Mähne, langer Ledermantel, fellgefüttert, schwarzer Lidschatten, der die grüngrauen Augen betont. Und ein Lebensrhythmus, der ein wenig durcheinandergeraten ist. „Singen tut man abends, schreiben früh.“ Beides muss nun irgendwie zusammen gehen.
Am 28. Juli 1951 wird Veronika Fischer in Wölfis (Thüringen) geboren.
1968-73 studiert sie an der legendären Dresdner Musikhochschule „Carl Maria von Weber“(Abschluss als Solistin für Chanson und Musical), ist nebenher Bandsängerin von Stern-Combo Meissen und Panta Rhei. 1974 gründet sie ihre erste eigene Band, veröffentlicht vier LPs, die millionenfach verkauft werden, bereist den gesamten Ostblock.
1979 erblickt Sohn Benjamin das Licht der Welt. 1981 geht Veronika Fischer mit Mann & Sohn nach Westberlin. Dort entstehen 6 Alben. Seit November ist ihre CD „Zeitreise“ auf dem Markt
Seit 41 Jahren tourt Veronika Fischer live durch die Lande. Derzeit schreibt sie an ihrer Autobiografie, die 2013 erscheint.
Veronika Fischer sitzt über ihrer Autobiografie, die 2013 fertig sein soll. Druck spüre sie nicht, und dass sie immer besser ins Schreiben hinein komme. „Es macht Spaß einzutauchen in die Geschichten.“ Sie sitzt in der Arbeitsecke am Fenster, haut in die Computertasten, schaut auf die kahlen Bäume vorm Haus. „Im Winter ist mir das Wohnzimmer fast ein wenig zu groß. So leer“, findet sie. Im Sommer sei das anders.
Auf dem Schreibtisch liegen 150 Seiten. Kopien ihrer Stasiakte. Eigentlich hatte sie in die Spitzelberichte nie reinschauen wollen. Für ihr Buch erweisen sie sich als recht nützlich: „Mein protokolliertes Leben.“ Sieben bis acht „IM“ hätten haarklein notiert, wann sie das Haus verlassen hat, wann sie zurück kehrte. Es stand geschrieben, dass ihr ungarischer Mann wohl ganz nett, das Verhältnis zu den Nachbarn gut sei. „Nur der Sohn“, schrieb einer hämisch, „der könnte, wenn man genau hinschaut, auch von Franz Bartzsch sein.“ Sie lachte herzlich über diesen Unsinn. Was sie im Film „Das Leben der Anderen“ sah, hat sie selbst erlebt. Bis zum Mauerfall reichen die Berichte. Dass die meisten nach ihrem Weggang aus der DDR geschrieben wurden, hat sie erschreckt.
„Du hast Fluss in deiner Schreibe“, ermutigte sie der Schriftsteller Erwin Berner, der ihr Liedertexte auf den Leib schreibt. „Ich kann das nicht“, maulte sie. - „Doch, du kannst das!“ Der Liedermacher und Autor Manfred Maurenbrecher steht ihr als Ghostwriter zur Seite. „Manfred braucht Futter,“ motiviert sie sich morgens zur Schreibarbeit.
Schriftstellerin stand nicht auf Veronikas Berufswunsch-Liste, eher Kunsterzieherin oder Innenarchitektin. „Doch ich komme vom Dorf, und dort wollten Mädels vor allem eins sein: Sängerin.“
Ihr Dorf heißt Wölfis, liegt im Thüringischen. Sie ist eines von vier Mädels, die im Haus der Großmutter munter drauflos trällern. Es wird Hausmusik gemacht. Veronika lernt Gitarre und Klavier, geht auf die Musikhochschule. „Klassische Ausbildung. Ariensingen und so.“ Ihre erste LP macht sie mit der Gruppe Panta Rhei. Ihre Songs „Nachts“ und „Blues“ stürmen die Hitparaden. Sie will ihre eigene Band.
Franz Bartzsch, den sie bewundert, spielt bei „Lift“. Sie geht zu ihm, fragt: „Willst du mit mir Musik machen?“ - „Du hast ,Blues’ gesungen? Dann machen wir was zusammen“, antwortet er. „Veronika Fischer & Band“ ist geboren. Erster Auftritt vor 15 000 Menschen im Budapester Kis-Stadion: „Wir waren die Vorgruppe der Kultband ,Omega’. Ich hatte Watteknie, dachte, ich muss sterben.“ Bartzsch wird Fischers Hauskomponist. Ihre Erfolge sind gemeinsame, führen sie durch ganz Osteuropa bis nach Mittelasien.
Als Bartzsch 1980 von einem Auftritt in Westberlin nicht zurückkehrt, fällt die Sängerin beruflich in ein Loch: „Unsere Titel wurden nicht mehr gespielt, Konzerte brachen weg.“ Ein Jahr später setzt sich ihr Mann und Manager mit Söhnchen Benjamin über Österreich nach Westberlin ab. Sechs Monate später lässt die DDR den in Ungnade gefallenen Star ziehen.
Die Ankunft auf der anderen Seite der Mauer ist schmerzlich: „Ich war traurig, unglücklich, zerrissen.“ Drüben im Osten wohnt die jüngste Schwester, die Kinder zur Welt bringt, die sie nicht sehen würde. Die Begegnung mit Franz Bartzsch ernüchtert sie. „Er hatte ins Schlagerfach gewechselt, arbeitete für Udo Jürgens. ,Wenn du keine Schlager machst, kannst du vom Singen nicht leben’, erklärte er mir. Ich blieb stur: ,Nö, Schlager mach’ ich nicht.’“ Noch im selben Jahr produziert sie ihre erste Westplatte.
Bis heute singt sie Lieder mit berührenden Texten, singt sie mit diesem seltsamen Mix aus Weichheit und Sprödheit. Zum 60. Geburtstag machte ihr die Dichterin Gisela Steineckert ein besonderes Lied-Geschenk: „Mein seltsames Leben“. Veronikas persönlichster Song auf der „Zeitreise“-CD. Wenn er ertönt, ist eine magische Stille im Saal. Sie mag ihre alten Lieder im neuen Gewand, die mit dem Produktionsteam Valicom entstanden. Freut sich über junge Fans wie David (20), der auf Facebook schreibt, dass ihre Lieder „so viel Gefühl, Harmonie und Gemütlichkeit“ ausdrücken.
Es gab Aufs und Abs in Veronika Fischers Leben. Wie Leben so sind. Es gab die Scheidung von Ehemann Laszlo (der eine neue Frau und ein neues Kind hat), den Tod der Eltern, es gibt die Freude, die ihr der Sohn schenkt. Im Juni wird die Fischer zum ersten Mal Oma. „Es wird wohl ein Mädchen“, sagt sie lächelnd.
Neulich war sie in Polanskis „Gott des Gemetzels“, sinniert: „Wie spannend vier Personen anderthalb Stunden gestalten können. Wie sinnlos Ehen sein können.“ Und dass gute Beziehungen was Schönes sind. Und Heiraten was für junge Mädchen ist, die an die Ewigkeit der Dinge glauben.
Wie würde sie ihr Leben umreißen bisher – war es ein schönes? Sie schüttelt den Kopf. „Ein schönes Leben hatte ich nicht. Ein bewegtes. Eines mit Brüchen. Private Verluste, die man für eine künstlerische Idee zahlt.“ Ja, es gebe Dinge, die sie im Nachhinein anders machen würde. Welche? „Das steht in meinem Buch...“

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