Gerechte Bezahlung für einen der härtesten Jobs der Stadt: Das forderten am Dienstag Hunderte von Altenpflegerinnen vor der Zentrale der AOK. Denn die Kasse will bei der Häuslichen Krankenpflege sparen.
Wieder mal geht ums Geld. Doch eigentlich geht es um Menschen wie Margarete Kirchner und die Frage, wie man in unserer Gesellschaft mit Senioren umgeht. Die 90-Jährige lebt am Mehringplatz in Kreuzberg, wird von der örtlichen Diakonie-Station betreut: „Ich komme nur noch selten raus, kann ohne Rollator nicht gehen“, sagt die Dame, die am liebsten Tierfilme im TV ansieht. „Mit meinen Pflegern bin ich sehr zufrieden, ohne die könnte ich nicht leben.“
Medikamente bekommt die an der Hüfte operierte Frau von Raico Pschichholz (32), Pflegefachkraft und Wundtherapeut. Je nach Alter und Dienstdauer verdienen er und seine Kolleginnen 12,72 bis 14,02 Euro pro Stunde. Mit Zuschlägen kommt man auf 1800 bis 2500 Euro brutto in Vollzeit. Das haben aber nur wenige Schwestern und Pfleger.
Trotzdem wirft die AOK – sie hat die meisten alten Kunden aller Kassen – den Diensten vor, unwirtschaftlich zu arbeiten. Die Pflegeanbieter würden ihre Mitarbeiter instrumentalisieren, anstatt sich mit „zukunftsorientieren Vergütungsstrukturen auseinanderzusetzen. Man bezahle ein Drittel mehr als 2007 für die Häusliche Versorgung: 92 Millionen Euro pro Jahr.
„Ich verstehe das Misstrauen der Kasse nicht“, sagt Raico Pschichholz, einer von 19400 Pflegeexperten in Berlin, die rund 27.000 Senioren zu Hause betreuen. „Uns bleibt jetzt schon wenig Zeit mit den Patienten.“
Auf 3 bis 33 Prozent weniger Vergütung komme man, wenn die 550 gemeinnützigen und privaten Pflegedienste auf die Vorstellung der AOK eingingen, sagt Hans-Joachim Wasel von der Caritas. „Die Hälfte der Pflegedienste schreibt rote Zahlen, kämpft ums Überleben.“ Mit den anderen Krankenkassen habe es eine Vereinbarung gegeben, 3,5 bis 5 Prozent erhalten die Dienste mehr.
Bei der AOK aber wird bei der Intensivpflege, etwa der Beatmung, der Betrag so kalkuliert, dass ein Dienst die Schwester unter Tarif bezahlen müsse. Wasel: „Die tragen doch Verantwortung! Das kann keine menschenwürdige Versorgung sein!“ 101 351 Menschen sind in Berlin auf Pflege angewiesen. Sozialsenatorin Carola Bluhm (Linke) pocht darauf, dass die Fachkräfte nach Tarif bezahlt werden. „Das ist das Mindeste, was die Mitarbeiter in diesem Bereich an Anerkennung verdienen.“
Menschlichkeit gegen Wirtschaftlichkeit: Birgit Schreiber sagt, dass vor allem die Dankbarkeit und Zuneigung der Patienten überhaupt noch ein Grund sei, den Pflegeberuf auszuüben. „Meiner Tochter wünsche ich eine Arbeit, wo sie besser verdient, nicht Tag und Nacht und Feiertagen unter schwersten Bedingungen arbeiten muss“, sagt die 42-Jährige von der Volkssolidarität in Köpenick. Mit rund 1.000 Kolleginnen ging sie auf die Straße. Um 13.30 Uhr, zum Schichtwechsel: „Damit die Patienten nicht auch noch darunter zu leiden haben.“ Auch Frau Kirchner wurde wie immer gut versorgt. Wie es sich gehört. SAL

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