Samstag, 8. Oktober 2011
Giftige Gase

Hilferuf aus dem Air-Berlin-Jet


Blick in das Cockpit eines Flugzeuges. Pilot und Copilot brauchen saubere Luft, um sicher arbeiten zu können.
Blick in das Cockpit eines Flugzeuges. Pilot und Copilot brauchen saubere Luft, um sicher arbeiten zu können.
Berlin –  

Nervengift im Flugzeug! Das Zeug heißt TCP und verursacht bei Personal und Passagieren Kopfschmerzen, Schwindel, Taubheitsgefühle in den Fingern. Gerade erst soll die Crew einer Air-Berlin-Maschine deswegen einen Hilferuf abgesetzt haben.

Flug Air Berlin 7249 in der Nacht vom 25. zum 26. September von New York nach Tegel. Kurz nach dem Start soll die Mannschaft laut ARD-Magazin „Monitor“ im Cockpit des Airbus A330 leichten Rauch und den Geruch von stark verbranntem Öl bemerkt haben. „Mehrere Flugbegleiter berichteten von Kopfschmerzen nach dem Einatmen des leichten Rauches. Die Cockpitbesatzung leidet noch immer an leichtem Schwindel und tauben Fingerkuppen“, wurde im Flugsicherheitsbericht vermerkt. Die Piloten sollen für einen Moment sogar Probleme gehabt haben, Tasten im Cockpit des Airbus zu bedienen. Sie meldeten den Vorfall per Funk an ihre Fluglinie. Ein Flugbegleiter musste nach der Ankunft in Berlin zwei Tage im Krankenhaus mit Sauerstoff behandelt werden.

Das tückische Nervengift TCP

Trikresylphosphat, kurz TKP (engl. TCP), gehört zur chemischen Familie der organischen Phosphate. In Deutschland ist der festgesetzte Grenzwert für diesen Stoff Null, das heißt, TCP darf eigentlich nicht in der Atemluft an Arbeitsplätzen bzw. in geschlossenen Räumen vorkommen. Der Arzt Dr. Michel Mulder vom Niederländischen Institut für Berufsmedizin nennt Symptome einer TCP-Vergiftung: Kopfschmerzen, Schwindel, Erbrechen, Atemnot, Gedächtnisverlust und bei längerer Einwirkung auch Zittern. Bei der Pilotenvereinigung Cockpit haben sich bereits mehr als 500 Piloten und Flugbegleiter, aber auch Passagiere, gemeldet, die über schwere Erkrankungen klagten. Bekannt sind Fälle von Piloten und Flugbegleitern, die ihre Berufe nicht mehr ausüben können.

Was war passiert? Offenbar handelte es sich um einen Fall des aerotoxischen Syndroms. Bei modernen Flugzeugen wird die Atemluft meistens direkt am Triebwerk abgezapft und in die Kabine geleitet. So können wegen durchlässiger Dichtungen auch erhitzte Öldämpfe in die Kabine gelangen. Sie sind eine Mischung aus gesundheitsschädlichen und sogar giftigen Chemikalien. So zum Beispiel das Nervengift Trikresylphosphat (engl.TCP).

Der Kapitän des Airbus soll den diensthabenden Arzt per Funk um Rat gebeten haben. Doch der verweigerte laut Flugsicherheitsbericht an- geblich die Hilfe, weil dieses Thema „politisch brisant“ sei.

Dreamliner

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In der Tat. Während Mediziner und Wissenschaftler seit Jahren vor dem aerotoxischen Syndrom warnen, beteuern Flugzeughersteller und Fluggesellschaften immer wieder, die Kabinenluft sei sauber. Auch eine Sprecherin von Air Berlin spricht von „einer kurzzeitigen Geruchsbildung während des Steig- und Sinkfluges“. Sie soll jedoch keinerlei Auswirkungen auf die Gesundheit der Mannschaft gehabt haben.

Bei Studien in den USA und Norwegen wurden jedoch bei Fluggästen Spuren des Nervengiftes TCP im Blut gefunden, obwohl diese zunächst keinerlei Beschwerden hatten. Und die Pilotenvereinigung Cockpit spricht von Kollegen, die wegen starker Übelkeit und Lähmungserscheinungen kaum noch handlungsfähig waren und die Maschine nur mit Sauerstoffmaske sicher fliegen konnten. Cockpit fordert, dass für die Maschinen Luftfilter entwickelt werden müssen und Warngeräte vergiftete Luft anzeigen.

Unterstützung bekommt Cockpit von den Grünen im Bundestag. Deren tourismuspolitischer Sprecher Markus Tressel kämpft seit zwei Jahren gegen Gift im Flugzeug. Gerade erst hatte er eine Expertenrunde einberufen. Das Fazit: „Die Wissenschaft belegt mittlerweile nahezu lückenlos, dass Gesundheit und Flugsicherheit aufgrund gefährlicher Inhaltsstoffe in Ölen gefährdet sind.“ Seine Forderungen: Mess- und Kontrollsysteme in der Kabine, Triebwerköle ohne neurotoxische Stoffe, Filteranlagen, ein Gremium aus Behörden, Gewerkschaften, Wissenschaftlern. Die beste Lösung jedoch seien Flugzeuge, die die Kabinenluft nicht mehr aus den Triebwerken zapfen. Wie der neue Boeing Dreamliner. SEY

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