Kiez&Stadt
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Dienstag, 26. Juni 2012

Vom Strahlemann zum Bruchpiloten: Genossen verlassen sinkenden Wowi

Von M. WILMS, C. WIERMER und R. GORNY

Der Regierende Klaus Wowereit geht baden. Langjährige Fans wenden sich von ihm ab.
Der Regierende Klaus Wowereit geht baden. Langjährige Fans wenden sich von ihm ab.
Foto: Bilderbox, dapd/Montage: Saba
Berlin –  

Einst war Berlin arm, aber sexy. Der Regierende badete im Erfolg – und das war auch gut so. Experten trauten Klaus Wowereit sogar die Kanzlerschaft zu. Aber die Zeiten ändern sich. Das Airport-Debakel und der Putsch gegen SPD-Chef Müller haben Wowi schwer beschädigt. Es wird einsam um ihn. Am Mittwoch muss er sich im Bundestag für das BER-Chaos rechtfertigen.

„Wowi-Dämmerung“ am Polit-Himmel. Erste Genossen rechnen mit ihrer einstigen Lichtgestalt ab. Manfred Güllner, SPD-Mitglied und Chef des Berliner Umfrage-Instituts Forsa, wirft Wowereit „Großmannssüchte“ vor. Er rede gern über Berlin als schillernde Weltmetropole, kümmere sich aber um wenig. „Die politische Elite lässt die Bürokratie machen, was sie will. Die Probleme um den Flughafen sind nur das jüngste Beispiel für ein grundlegendes Versagen.“ Wowi fehle es offenbar an Krisenbewusstsein.

Dafür kriegen führende SPD-Politiker sofort die Krise – wenn sie an Klaus Wowereit denken. „Es gibt aus Berlin keinen Wowi-Bonus mehr für uns“, sagt ein Parteivorstand. Beim konservativen Seeheimer Kreis war der Regierende schon wegen seines rot-roten Dauer-Bündnisses in Ungnade gefallen. Die Genossen werfen Wowi außerdem mal Arroganz, mal Lustlosigkeit vor. „Wenn er nicht auf dem linken Flügel mitsegeln würde, hätte er keine Lobby mehr in der Partei“, sagt ein Mitglied der Führung.

Auch auf Wowis angeblich mangelnden Einsatz verweisen SPD-Köpfe im Hintergrund – und nennen ein „Wowereit-typisches“ Beispiel: Als die SPD 2011 eine große Veranstaltung zum deutsch-türkischen Anwerbeabkommen organisiert hatte, war die gesamte Parteispitze da – nur Wowi fehlte. Und das, obwohl er der zuständige SPD-Vize für Integration ist. Zur selben Zeit weilte er bei einer weit glamouröseren Abendveranstaltung von Guido Westerwelles Ehemann Michael Mronz. Auf sein Fehlen bei der SPD angesprochen, sagte Wowereit, dort seien ja schon alle von ihm überzeugt.

So viel Selbstsicherheit kann er sich heute nicht mehr leisten: „Seine Sympathie-Werte in den Umfragen sinken, obwohl die der SPD steigen“, sagt Dr. Gero Neugebauer, FU-Politologe und führender SPD-Experte. Die Bürger kreiden Klaus Wowereit die Verteuerung des Flughafens um rund 1,2 Milliarden Euro und die Verschiebung der Eröffnung offenbar persönlich an.

SPD-Bundespolitiker Peter Danckert fordert schon indirekt Wowis Rücktritt als Chef des Airport-Aufsichtsrats: „Der Posten ist ein Fulltime-Job, da kann man nicht nebenbei noch Regierender Bürgermeister sein.“ Einen geharnischten Brief bekam Wowereit vom Umweltkreis der Evangelischen Kirchengemeinde Müggelheim. Er sei vom „Übermaß der Ihnen obliegenden Aufgaben und Pflichten“ offenbar überfordert. Und müsse sich fragen, ob er nicht von der „Funktion als Regierender Bürgermeister zurücktreten sollte“.

Zum Murks ums Milliarden-Loch Flughafen wird Wowereit heute im Haushaltsausschuss des Bundestags angehört. Auch dessen Vorsitzende ist SPD-Frau: Petra Merkel aus Charlottenburg-Wilmersdorf. Sie will wissen, „um wie viel genau der BER teurer wird und wie es um Regress-Forderungen steht“.

Natürlich gibt es Sozis, die nach Außen eisern zu Wowereit halten. Fritz Felgentreu, Vize-Fraktionschef im Abgeordnetenhaus, bekennt zwar: „Die Probleme um den Flughafen sind sehr ernst. Sie schaden auch dem Ansehen der Politik.“ Aber er betont zugleich, dass Wowi das verlorene Vertrauen zurückgewinnen könne. Der SPD-Bundespolitiker Swen Schulz aus Spandau lobt ihn sogar als „guten Regierungschef, der mein volles Vertrauen hat“.

Das ändert nichts daran, dass der linke Parteiflügel der Berliner SPD heftig aufmuckt. Die Rebellen um Jan Stöß und Raed Saleh haben Ex-Landeschef Michael Müller, der als Wowis Kronprinz galt, schon abgesägt. Es wird sich zeigen, wie weit und wohin die Palastrevolution noch führt. Wowereit? Er reagiert auf Kritik zunehmend bockig. Ein Senatsmitglied zum KURIER: „Das ist unklug.“ Es scheint, als habe der Regierende seine Gelassenheit verloren.

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