Kiez-Report
Jeder glaubt, diese Stadt und ihre Menschen zu kennen. In einer großen Serie stellt der KURIER die zwölf Berliner Bezirke vor – getreu unserem Motto „Der von hier“. Wir zeigen Menschen, Macken und Meinungen

Der Kiez-Report Teil 8: Am Winterfeldtplatz: Das süße Sein von Schöneberg


Tempelhof-Schöneberg –  

Jeder glaubt, diese Stadt und ihre Menschen zu kennen. Dort nur Plattenbauten, hier nur Neureiche und anderswo an jedem Abend Spätzle. So jedenfalls die gängigen Klischees. Doch müssen wir diese tatsächlich für bare Münze nehmen? In einer großen Serie stellt der KURIER die zwölf Berliner Bezirke vor und pickt sich immer einen Kiez – mal exemplarisch, mal überraschend – heraus. Montag vor einer Woche startete die Serie, über sieben Bezirke haben wir schon berichtet. Im achten Teil ist Tempelhof-Schöneberg dran – wir zeigen Ihnen das bunte Treiben rund um den wunderschönen Winterfeldtplatz.

Lang wirft St. Matthias, eine der wenigen frei stehenden katholischen Kirchen Berlins, einen Schatten über den Markt auf dem Winterfeldtplatz. Besuchern und Verkäufern ist’s egal – die allermeisten haben in dieser Ecke Schönebergs eh ein sonniges Gemüt. „Gerade mittwochs und sonnabends, wenn Markt ist, herrscht rundherum eine herrlich entspannte und tolerante Stimmung“, erklärt OP-Assistentin Kathrin den Reportern. Sie wohnt um die Ecke, ist hier aufgewachsen und nach kurzer „Flucht“ zurückgekommen. Jetzt will sie bei Latte Macciato und Fruchteisbecher Freundin Steffi (Studentin) überzeugen, ihre Zelte auch am Winterfeldtplatz aufzuschlagen.

Kathrin (li.) zeigt ihrer Freundin Steffi die Schönheiten des Platzes.
Kathrin (li.) zeigt ihrer Freundin Steffi die Schönheiten des Platzes.
Foto: Otto

Nick Spicer und seine Familie mussten nicht überredet werden. Er, der TV-Korrespondent aus Kanada, und seine Frau Isabelle zog das internationale Flair an den Winterfeldtplatz mit seiner großen französischen Gemeinschaft. Jetzt stehen die Spicers, das vom Markt heraufwehende Duft-Gemisch tief einatmend, auf ihrem Balkon des Wohnhauses des bekannten Berliner Architekten Hinrich Baller. Der heute 76-Jährige prägte das Bild des Platzes, gestaltete Gebäude am östlichen Rand an der Gleditschstraße und 1995 eine filigrane Metallkonstruktion rund um die Grünanlage hinter der Kirche.

Während der Winterfeldtplatz mit seinen heruntergekommenen Wohnhäusern in den 70er- und 80er-Jahren einen großen Spielplatz für die Hausbesetzerszene bot, köchelt hier heute ein Schmelztiegel aus Ur-Berlinern, Zugezogenen, Touristen, Transen und Schwulen. Mittendrin: Matthias (46) und Ben (28). Bei einem Frühstück lässt das tätowierte, muskelbepackte und hochsympathische Pärchen die nächtliche Geburtstags-Party im Szene-Café Berio (Maaßenstraße 7) ausklingen. Schon in den Zwanzigern vergnügten sich Künstler wie Marlene Dietrich, Claire Waldorff oder Wilhelm Bendow nächtelang in den umliegenden „Herrenlokalen“. Längst aber haben Familien wie die Spicers erkannt, dass das Zusammenleben mit der schwul-lesbischen Szene mehr als angenehm ist. Und so stolzieren heute behaarte Männer in Miniröcken zwischen Kinderwagen schiebenden Mamas.

„Solche Szenen sind hier alltäglich, niemand stört sich daran“, weiß die 25-jährige Cindy Spieker. Sie arbeitet in der Boutique „Macke“, dem Laden ihrer Mutter. Seit zehn Jahren existiert das Geschäft in der Winterfeldtstraße 38, es begann mit einer Idee aus Paris: Fehlerhafte Designerklamotten von deutschen Herstellern wurden verkauft, die „Macke“ so zum Geheimtipp. Denn Frauen mit Lust auf hochwertige Mode konnten die hier auch bezahlen. Inzwischen gibt’s aber nur noch „reguläre“ Ware – nicht minder schön.

Weniger sehenswert sind die Seitenstraßen der nahen Potsdamer Straße. Während am Winterfeldtplatz der „kalte“ Quadratmeter um die zehn Euro kostet, steht um die Ecke ein monumentaler Sozialbau („Pallasseum“) mit all seinen Problemen. Und auch der wirft einen Schatten. Verdecken kann dieser Gewalt und Kriminalität aber nicht.

Hier gibt's die anderen Teile des Kiez-Reports!

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