Sonntag, 17. Juli 2011
Insider packt aus

Die miesen Tricks der Banken

Von Michael Santen

Im Kundengespräch zeigen die Bankangestellten nur selten ihr wahres Gesicht. Geschäftsrisiken werden gar nicht oder nur andeutungsweise erwähnt.
Im Kundengespräch zeigen die Bankangestellten nur selten ihr wahres Gesicht. Geschäftsrisiken werden gar nicht oder nur andeutungsweise erwähnt.
Foto: dapd

Die Mittlere Reife hatte sie in der Tasche. Nun freute sich die lebenslustige, junge Frau auf das Berufsleben. Sie hatte sich für die Ausbildung zur Bankkauffrau entschieden, weil ihr das Schul-Praktikum in der Filiale ihres bayerischen Heimatstädtchens so gefallen hatte. „In Mathe war ich gut, konnte prima mit Zahlen umgehen“, erzählt sie. „Und ich wollte mit Menschen zu tun haben, ihnen helfen, sie beraten.“ So nahm das Unglück seinen Lauf...

Nach nur 3 Jahren Ausbildung und 18 Monaten als Bankberaterin zog sie den Stecker und stieg entnervt aus. „Ich war schockiert und entsetzt davon, was in der Branche abgeht. Wie kaltblütig arglose Menschen gelinkt und über den Tisch gezogen werden.“ Nachts habe sie kaum schlafen können, oft unter Alpträumen gelitten. Tag für Tag bekam sie Gewissensbisse – und Magenkrämpfe. Als sie es nicht mehr aushielt, kündigte sie. Und schrieb sich unter dem Pseudonym Maria Eder alles von der Seele. „Schluss mit dem Betrug! Eine Bankangestellte packt aus“ heißt ihr Buch (Droemer-Verlag, 14,99 Euro).

„Ich will die Leser für die Machenschaften dieses Systems sensibilisieren“, sagt sie im Interview. „Ich will sie warnen, damit sie nicht mehr so blauäugig und naiv mit ihrer Bank umgehen.“ Auf 200 Seiten hat sie niedergeschrieben, wie sie und ihre Beraterkollegen von der Chefetage mit immer neuen, immer höheren, meist illusorischen Zielvorgaben unter Druck gesetzt wurden. Wie sie – wenn die „Umsatzzahlen“ nicht erreicht wurden – als „unfähig“ beschimpft, angeprangert und lächerlich gemacht wurden. „Fräulein Eder, Sie versagen ja auf der ganzen Linie…“

„Da war ich nicht die Einzige, die Magenschmerzen bekam oder Tränen vergossen hat“, sagt Maria. Der Stress – er hatte am ersten Tag nach der Abschlussprüfung begonnen. „Ich war frischgebackene Bankberaterin, kam stolz in mein Büro. Aber als ich die erste E-Mail las, war die gute Laune weg.“ Darin stand das abstruse Ziel für ihr erstes Quartal – eine sechsstellige Zahl! „Ich hätte irrwitzig viele Abschlüsse tätigen müssen. Unterteilt in Produkte, die meine Bank selbst herausgab, und in fremde Fonds – Renten-, Aktien-, Geldmarkt- und Immobilien-Fonds, ausgeklügelte Steuersparmodelle. Alles Produkte einer Partnergesellschaft meiner Bank, alle mit „Ausgabe-Aufschlag.“ Künstlich erzeugte Gebühren von bis zu 5%.“

Diese Fantasie-Gebühren seien DIE Einnahmequelle gewesen, auf die die Bank scharf war. „Risiken sollten dem Kunden gar nicht oder nur versteckt mitgeteilt werden“, erinnert sie sich. „Heißt: wortreich und geschickt drumherum reden, mit den verlogenen Hochglanzprospekten, auf die wir quasi mit der Peitsche eingeschworen wurden, ablenken und das Produkt anpreisen bis zum Geht-Nicht-Mehr.“

Womit das Personal allerdings zu-nehmend Probleme hatte, denn viele Kunden sind (nicht zuletzt durch Crash und Bankenkrise) misstrauischer und kritischer geworden: „Die meisten lehnten Beratungsgespräche von vornherein ab. Gerade auf dem Land wollen sie nur Konto und Sparbuch, alles andere ist ihnen suspekt.“ Die, die man zum Gespräch „einfangen“ konnte - notfalls sogar durch Bedrängen und Ansprechen am Geldautomaten, wozu mich der Chef nötigte - hörten sich alles an, wollten „mal drüber schlafen und meldeten sich nie mehr“. Folge: Die Ziel-Vorgaben waren gar nicht zu schaffen.

Ein skrupelloser „Top-Berater“ ihrer Bank, der sich nicht scheute, Rentner oder sogar demente Senioren in Wohnheimen aufzusuchen und (für ihn) lukrative Anlageverträge unterschreiben zu lassen, oder Azubis, die gerade 350 Euroverdienen, Sparmodelle mit viel zu hohen monatlichen Belastungen unterzujubeln, gab ihr diesen „goldenen Karriere-Tipp“: „Kunden, die beim Bausparvertrag mit lächerlichen 10000 Euro kommen, musst du gleich vergessen. Das ist vergeudete Zeit.“ Sie solle nur „groß denken“, Kunden „große Dinge“ schmackhaft machen.

Schon bald lehnte sich Maria gegen ihre mobbenden Vorgesetzten auf. Gegen ihre Hochglanz-Prospekte mit den immer steil nach oben führenden Kurven auf dem Cover. Gegen „unmenschliche Zielvorgaben“, wie sie sagt, dem damit verbundenen immensen Druck.

Sie wurde als „weich“, „lernunfähig“ und „beratungsresistent“ abgecancelt. „Ich sagte offen, was ich davon hielt, Menschen, von denen ich viele im Supermarkt, in der Kirche, beim Spaziergang oder beim Ernte-Fest traf, etwas anzudrehen, was sie gar nicht brauchen. Ich wollte sie nicht um ihr mühsam Erspartes bringen, ihnen nichts aufschwatzen, was die Bank zum Winner und sie zum Loser macht. Ich schämte mich in Grund und Boden, konnte den Leuten nicht mehr ins Gesicht schauen.“ Als Maria, die in einer gläubigen Familie aufwuchs und zu Rücksicht und Nächstenliebe erzogen wurde, dann plötzlich auch nicht mehr in den Spiegel schauen konnte, fasste sie den Entschluss: „Aus! Vorbei! Ich will nicht mehr als Abzockerin meinen Lebensunterhalt verdienen! Was ich tue, ist ja fast kriminell!“

Inzwischen ist der Job in der Bank für sie längst verarbeitet, abgehakt. Nur wenn Worte fallen wie „Zielvorgabe“, dann kriegt sie immer noch eine Gänsehaut und Magenschmerzen…

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