Geißlers Nachschlag
Der Ex-CDU-Generalsekretär Heiner Geißler im politischen Un-Ruhestand schreibt jede Woche im KURIER. Hier alle Folgen

Sonntag, 19. Februar 2012

Glaubwürdigkeit: Politiker brauchen Distanz zu denen, die Geld haben

Von Heiner Geißler

Unsere Bundespräsidenten müssen keine Lichtgestalten sein wie Sokrates, Jesus, Buddha, Gandhi, Martin Luther King, aber sie sollten eines der Ideale verkörpern, die jenen großen Gestalten der Menschheitsgeschichte eigen waren: das Ideal der Glaubwürdigkeit, d.h. die Einheit von Denken, Reden und Handeln.

Das erwarten die Menschen eigentlich von allen Politikern. Aber der Bundespräsident sollte dem in besonderem Maße entsprechen. Nichts ist schlimmer in der Politik, als wenn Reden und politische Praxis auseinanderfallen.

Nun ist es ja nicht so, dass Christian Wulff in den letzten Monaten keine Unterstützung erfahren hätte. Auch die Kanzlerin hat ihn nicht im Stich gelassen. Denn niemand kann in Führungspositionen verantwortlich handeln, wenn er nicht für die Zeit seines Mandates Solidarität erfährt. Aber dies gilt natürlich auch umgekehrt. Es gibt auch eine Solidarität von oben nach unten.

Wer Macht hat, darf es sich in ihr nicht bequem machen, er muss sein Bestes geben in den politischen Inhalten, in der Bereitschaft, sich beraten zu lassen, in seiner öffentlichen Darstellung und in seiner Sprache. Er muss sich bemühen, persönlich, charakterlich und politisch auch für junge Menschen Vorbild zu sein.

Es gibt den dummen Satz: „Politik verdirbt den Charakter.“ Aber in Wirklichkeit ist es anders: „Politik erprobt den Charakter“: Um diese Probe zu bestehen, braucht der Politiker vor allem eine Eigenschaft: Er muss unabhängig sein und Distanz halten zu allen anderen, die ebenfalls Macht haben, z.B. zu seiner eigenen Partei, aber auch zu denen, die Geld haben.

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