Manchmal sagt man zu Entscheidungen oder Meinungen, die gegensätzlich oder widersprüchlich sind: Das ist paradox – ein aus dem Griechischen stammendes Fremdwort.
So ist es zum Beispiel paradox oder widersinnig, wenn einer bei angezogener Handbremse mit Vollgas starten will oder Tierschützer nach einer Kundgebung ein Schlachtfest feiern. Für viele ist es paradox, sich mit Atomwaffen zu verteidigen, die auch das zerstören, was man verteidigen will. Es ist paradox, wenn die Grünen, die Linken und die Liberalen als angebliche Menschrechtsparteien den baldigen Abzug der Nato aus Afghanistan fordern und so die afghanischen Frauen der Verfolgung durch die Taliban ausliefern.
Es ist absurd und paradox, das architektonisch fragwürdige Hohenzollernschloss in Berlin mit 500 Millionen Euro wiederaufzubauen und gleichzeitig die Zuschüsse für Opern, Orchester und Theater zu kürzen. Es ist paradox und widersprüchlich, wenn der Staat allen Kleinkindern einen Rechtsanspruch auf Bildung in Kitas gibt, aber Eltern, die ihre Kinder zu Hause behalten dafür mit 150 Euro im Monat belohnt. Und so scheint es auch paradox zu sein, wenn Gemeinden und Städte durch die letzte Woche abgeschlossenen Tarifverträge zurecht verpflichtet werden, die Gehälter für Angestellte und Beamte um 6,3% zu erhöhen, obwohl sie ihre Schulden nicht mehr bezahlen können. Fast alle diese Widersprüche gründen in Geldmangel. Sie sind deswegen unsinnig, paradox und hirnrissig, weil es auf der Erde Geld gibt wie Heu – es haben nur die falschen Leute.
Den größten paradoxen Widersinn haben sich wieder einmal die Engländer und Schweden geleistet, als sie vorgestern auf der EU-Finanzministerkonferenz den Vorschlag von Wolfgang Schäuble blockierten, endlich die Spekulanten und Investmentbanker durch eine Umsatzsteuer an der Finanzierung der Menschheitsaufgaben zu beteiligen.
Heiner Geißler, Ex-CDU-Generalsekretär im politischen Un-Ruhestand, schreibt jeden Montag im KURIER!
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