Fußball

Berliner Fotograf: „Ich kenne elf schwule Fußball-Profis“


Die anonyme Beichte eines Bundesliga-Spielers lässt das Thema „gleichgeschlechtliche Liebe im Profi-Fußball“ wieder hochkochen. Sportgrößen wie Bayern-Präsident Uli Hoeneß melden sich zu Wort und sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel schaltet sich ein.

KURIER-Reporter Steven Jahn sprach darüber mit Insider Vincent Gehrke. Schon lange Zeit ist der 23-Jährige auf den Fußballplätzen und in den Stadien der Republik als Fan und Fotograf unterwegs. Er ist homosexuell, hat viele Kontakte in der Szene und machte selbst schon erstaunliche Erfahrungen.

Wir treffen uns auf dem Gelände des Jahn-Sportparks im Prenzlauer Berg. Den Ort hat er ausgesucht. Die Sonne steht im Zenit, Vincent wartet schon auf mich. Noch weiß ich nicht, dass er mir gleich Dinge erzählen wird, die wahrscheinlich für viel Aufsehen sorgen werden.

Nach der Begrüßung drücke ich ihm das anonyme Interview aus dem Magazin „Fluter“ in die Hand. „Das habe ich auch gelesen, finde es gut, dass der erste Spieler sich getraut hat. Aber viel bringen wird das nicht, so anonym“, meint er. Seine Stimme ist ruhig und unaufgeregt, er wirkt schüchtern. „In ein paar Tagen ist das allerdings wieder vergessen, das Versteckspiel geht weiter, weil ein Name fehlt.“

Verstehen kann er das aber. „Die Worte von Frau Merkel, mit denen sie die homosexuellen Kicker bekräftigen möchte, sich zu outen, sind nett gemeint, doch Deutschland ist noch nicht so weit“, sagt er und belegt das mit einem Beispiel aus Nürnberg.

Dort gründete sich ein homosexueller Fanclub. Die anderen Fanclubs wollten aber keine solche Fangruppe neben sich auf der Tribüne haben, auch der 1. FC Nürnberg selbst machte keine besonders großen Anstalten, für eine Lösung dieses Problems einzutreten. Der neugegründete Fanclub kämpfte weiter um seinen Platz im Stadion, wird erst seit kurzem akzeptiert.

Für schwule Spieler seien solche Fanbewegungen äußerst wichtig: „Sie schauen bei der Vereinssuche auch auf das Umfeld, schauen zum Beispiel auch, welcher Klub eine homosexuelle Fangruppe besitzt“, meint Gehrke.

Das Problem liegt in der Gesellschaft. „In Deutschland ist das Bild fast überall immer noch so, dass Homosexuelle nicht ins Stadion gehören. Viele von den Spielern stellen auf dem Rasen bewusst den ,bösen Treter’ dar, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen“, erklärt er. „Zurzeit könnte ich eine komplette Elf aufzählen mit Spielern aus der Bundesliga und sogar zwei aktuelle Nationalspieler, die schwul sind. Die Dunkelziffer ist natürlich viel höher.“

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Woher hat Gehrke dieses Wissen? „Es gibt im Internet unter anderem eine bestimmte Dating-Seite für Homosexuelle. Dort bin ich auch angemeldet. Man chattet unter einem Nickname mit fremden Personen. Nach einer gewissen Zeit, wenn man sich vertrauter geworden ist, nennt man auch mal seinen richtigen Namen, also natürlich nur den Vornamen. Oder schickt ein sehr privates Bild. Einmal kam mir die Person auf den Fotos bekannt vor. Also schaute ich im Internet und fand ihn tatsächlich als Fußballer!“

Ist das für die Spieler, die sich nicht outen wollen, nicht zu riskant? „Das ist schon riskant, aber es gibt einen Ehrenkodex bei uns, da bleibt alles anonym und geheim!“

Sich verleugnen, nur verdeckt zu agieren, was für ein emotionaler Stress. „Profis sind auch nur Menschen, haben auch das Verlangen, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen“, erklärt er. „Apropos austauschen. Der Herr Hoeneß hat mit seiner Aussage, dass die Vereine sich mit dem Thema auseinandersetzen müssen, recht. Es wird die Zeit kommen, dass sich der erste Spieler outet. Dann geht die große Fragerei los, dann werden Antworten gebraucht! Eines ist jedenfalls sicher, der Spieler, der sich als Erster in die Öffentlichkeit wagt, wird in der Szene als Held gelten, wird das Symbol dieser Bewegung!“

Als wir uns voneinander verabschieden, bedankt er sich: „Ich hoffe, dass ich damit den Weg für die Profis vielleicht ein bisschen ebener machen und den Leuten zeigen kann, dass ein Umdenken stattfinden muss.“

Lahm: „Eindeutige Angebote“
Pro Outing
Urban geoutet
Foto: Bongarts/Getty Images

2007 war er auf dem Titelbild des Schwulen-Magazins „FRONT“, und dass er für die „Szene“ attraktiv ist, beschreibt Philipp Lahm in seinem Buch mit zwei Beispielen.

Das eine: „Offenbar läuft in Köln ein Mann herum, der jedem, der es hören will, erzählt, dass er mit mir zusammen ist.“ Merkwürdig findet er, dass „die Story überall kursieren kann und sich im Internet in zahllosen Spekulationen wiederfindet“.

Und da war noch der unliebsame Besucher, der an der Wohnungstür klingelt und Lahm, als der öffnet, nur anstarrt, sagen kann er erst mal nichts. „Stattdessen drückt er mir einen Brief in die Hand. Ich sehe, dass der Typ ganz feuchte Augen hat. Dann probiert er es noch einmal, und dann steht dieser Satz in meinem Vorzimmer: »Philipp, ich hab mich so in dich verliebt. Darf ich reinkommen?«

Darf er natürlich nicht, Lahm droht mit der Polizei, der Typ haut ab, der Spieler liest den Brief, erfährt, dass der Besucher aus Düsseldorf gekommen ist und ihn regelrecht ausgespäht hat. Lahm sucht sich eine neue Wohnung.

Foto: Bongarts/Getty Images

Bayern-Torjäger Mario Gomez riet in der „Bunten“, das Versteckspiel aufzugeben: „Sie würden dann wie befreit aufspielen. Schwulsein ist doch längst kein Tabuthema mehr. Wir haben einen schwulen Vizekanzler, der Berliner Bürgermeister ist schwul.“

Nationaltorhüter Manuel Neuer ist der gleichen Meinung: „Wer schwul ist, sollte sich outen. Da fällt doch eine Last ab. Auch die Fans werden sich schnell daran gewöhnen. Wichtig ist die Leistung.“

Foto: imago sportfotodienst

Marcus Urban (40) durchläuft alle DDR-Jugendnationalteams wie Bernd Schneider oder Robert Enke. Mit RW Erfurt steht er vor dem Aufstieg in die 2. Liga, gibt sich härter als alle, spuckt und foult, „das Wort schwul existierte für mich nur als Schimpfwort.“

1994 gibt er die Karriere auf, „aus Angst mich verstecken zu müssen“, 2007 outet er sich, 2008 erscheint seine Biografie „Versteckspieler“.

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