Freitagabend in Deutschland. Millionen Fußball-Fans vollführen das gleiche Ritual: Das schwarz-weiße Trikot, das schon so viele Spiele gesehen hat, wandert aus dem Schrank. Die Deutschlandfahne gehört dazu, vielleicht auch ein wenig schwarz-rot-goldene Schminke - und dann geht es raus, dahin, wo die anderen sind.
Der Fußball-EM, diesem Massenphänomen, kann sich kaum jemand entziehen. Auch das Viertelfinale gegen Griechenland wird „Normalbürger“ in Patrioten verwandeln, zu Rudelbildung vor Fernsehern und Großleinwänden führen.
„Patriotismus wird ins Bewusstsein gespült“
„Dieser Patriotismus“, erklärt Professor Jens Kleinert von der Deutschen Sporthochschule in Köln, „ist vermutlich immer vorhanden. Bei einem solchen Turnier wird er aber ins Bewusstsein gespült. Das ist etwas sehr Gutes, ein Merkmal von kollektiver Identität, von Gemeinschaftsgefühl.“
Dass gelebter Nationalstolz spätestens seit der WM 2006 wieder salonfähig ist, sei ein Gewinn. „Aus gesellschaftlicher Sicht ist es sehr schön, dass durch so ein Event diese Zugehörigkeit zum Ausdruck kommt“, sagt der Sport- und Sozialpsychologe.
Der Mensch, das Sozialtier, fühlt sich grundsätzlich wohl in einer Gruppe, die gemeinsame Interessen verfolgt. Ein Massenevent wie die Fußball-Europameisterschaft befriedigt dieses Bedürfnis optimal.
Kaum ein Ereignis bietet eine solche öffentliche Wahrnehmung, kaum ein Ereignis macht es dem Zuschauer derart einfach, sich einer großen Gruppe zuzuordnen und dies zu demonstrieren - ganz egal, ob man mit der deutschen, spanischen oder polnischen Mannschaft fiebert.
„Über den Bezug zu Gleichgesinnten wird die persönliche Identität gestärkt“, sagt Kleinert: „Das ist eine Erhöhung des Selbstwerts: Auch ich bin ein Fan, auch ich bin jemand, der Flagge zeigt.“ Völlig normal also, dass dieser Versuchung die wenigsten widerstehen, sich auch Fußballferne plötzlich für die Nationalmannschaft interessieren.
Gruppenerlebnis als Hauptmotiv
Ob der Fan in riesigen Public-Viewing-Zonen die Spiele verfolgt oder sich mit zehn Freunden trifft - aus psychologischer Sicht zählt in beiden Fällen vor allem die Rudelbildung.
„Das private Rudelgucken macht natürlich einen intensiveren Austausch möglich. Das ist in den riesigen Gruppen nicht unbedingt der Fall“, sagt Kleinert: „Dort steht dafür das Massenphänomen im Mittelpunkt. Es ist einfach spannend, mit Zehntausenden Zuschauern zu jubeln und zu leiden.“
Dennoch, das Gruppenerlebnis sei in beiden Fällen das Hauptmotiv. Gemeinsam hoffen die Fans über Tage und Wochen auf dasselbe Ergebnis - und bauen zusammen auch eine starke Bindung zur Mannschaft auf, deren Ziele sie zu ihren eigenen machen.
„Emotionalität wird immer stärker“
„Dass man ausrastet, ausflippt vor Freude, ist nur mit dieser unheimlich hohen persönlichen Identifikation zu erklären: Ich möchte gewinnen! Ich möchte, dass wir Europameister werden!“, sagt Kleinert. „Und das verstärkt natürlich die emotionale Betroffenheit: Nicht nur die Mannschaft gewinnt oder verliert, sondern auch ich selbst. Ich selbst verwandele oder verschieße den Elfmeter.“
All dies, die Bindung zur Mannschaft, die Zusammengehörigkeit der Fans, wächst mit zunehmender Turnierdauer, mit dem Gefühl, gemeinsam etwas zu erreichen.
„Die Emotionalität wird natürlich immer stärker, von Spiel zu Spiel. Weil man dem Ziel immer näher kommt“, sagt Kleinert: „Jeder Schritt wird bedeutsamer.“ Der nächste, der vierte gemeinsame Schritt - das Viertelfinale.

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