Joachim Löw braucht Zeit. Er will Abstand gewinnen nach dem Halbfinal-Desaster gegen Italien. Der 52-Jährige ist wieder im heimischen Freiburg. Vielleicht wird er in sein Stammcafé gehen, sich einen sonnigen Platz suchen und einen Espresso trinken. Die Menschen werden ihm auf die Schulter klopfen, sie werden ihm Mut zusprechen. Sie werden sagen, er solle weitermachen. Sie mögen ihren Jogi. Aber macht er weiter?
Nach KURIER-Informationen hat ihn die teils polemische Kritik wie ein Peitschenhieb getroffen. Er habe sich verzockt. Er „allein“ (90er-Weltmeister Thomas Berthold) habe das Spiel verloren. Seine Boygroup seien Verlierertypen, die in Jetset-Manier mit Privatmaschinen nach Hause geflogen werden. Und nun kocht auch noch das Thema fehlende Führungsspieler hoch, das Löw bislang stets souverän meisterte.
Der Mann mit den goldenen Händen muss sich zum ersten Mal in seiner sechsjährigen Amtszeit harter Kritik stellen!
Und das könnte Folgen haben. Nach KURIER-Informationen grübelt er. Auch ein Rücktritt scheint nicht mehr ausgeschlossen zu sein!
Dabei kann er Kritik an seinen taktischen Fehlern einstecken. Er selbst ist am meisten darüber enttäuscht, dass er mit seinen Umstellungen falsch lag. Man merkte es in den letzten Minuten des Italien-Spiels deutlich an seiner Körpersprache. Aber es ist die Art und Weise, wie seine Arbeit in Schutt und Asche geschrieben wird.
Löw ist unberechenbar. „Ich muss nicht Bundestrainer sein, um ein glücklicher Mensch zu sein“, hat er einmal in einem KURIER-Interview gesagt. Er könne problemlos auch bei einem Klub im Ausland arbeiten.
Dahinter steckt seine Lebensphilosophie. Löw hat klare Vorstellungen, wie etwas zu laufen hat. Wenn ihm dafür die Unterstützung fehlt, macht es keinen Sinn mehr.
Im Klartext heißt das: Er wird keine Kurskorrektur vornehmen. Er wird seine Philosophie nicht wegen des Drucks opfern. Er wird nicht gegen seine tiefsten Überzeugungen handeln.
Eher, so heißt es aus dem Umfeld der Nationalmannschaft, schmeißt er hin.
Bundestrainer Jogi Löw ist zwar enttäuscht, redet die EM aber trotzdem schön.
Foto: dpaBeim DFB geht man davon aus, dass Löw bis 2014 weitermacht. Noch in der Nacht von Warschau, wenige Stunden nach dem Desaster gegen Italien, habe er Präsident Wolfgang Niersbach keinerlei Rücktrittssignal gegeben. Niersbach wiederum gab anschließend eine Ehrenerklärung ab. „Wir sind unheimlich froh, dich als Bundestrainer zu haben“, erklärte er.
In dieser Woche soll es zwischen Niersbach und Löw zu einem weiteren Gespräch kommen. Dann will der Bundestrainer sich abschließend erklären.
Natürlich gibt es „neue Reize“. Da wartet das Highlight, da wartet die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien. Aber ein Jogi Löw wird nur bis dahin weitermachen, wenn er SEINEN Weg weitergehen kann.
TG/MK

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