In Berlin hakt es mit der Verwaltung gewaltig. Kann die Hauptstadt von Wittstock lernen? Die Gemeinde im Nordwesten Brandenburgs hat ein rollendes Bürgeramt eingerichtet, tingelt mit einem umgebauten Krankentransporter über die Dörfer. Der KURIER war einen Tag auf Tour dabei.
Montagmorgen, 8.30 Uhr, das Dörfchen Rossow. Stille ringsherum. Majestätisch segelt ein Storch über den hölzernen Kirchturm, der Duft von frischem Dung steigt in die Nase – und an der Bus-Wendeschleife treten Saskia Bauer (17) und Mama Susanne ungeduldig von einem Bein auf’s andere. Gleich soll er kommen, der mobile Bürgerservice der Stadt Wittstock/Dosse. 2003 wurde Rossow in die flächenmäßig sechstgrößte Gemeinde Deutschlands eingemeindet, nun wurde die Dorfstraße in Rossower Dorfstraße umbenannt. Heißt für die Einwohner: Dokumente müssen geändert werden. Doch dafür müssen sie nicht mehr in die 20 Kilometer entfernte „Kernstadt“ fahren, denn die kommt jetzt zu ihnen – in einem alten Feuerwehr-Transporter.
Bürgerservice: Lange Warte-und zu kurze Öffnungszeiten bei den Ämtern, kein offenes Ohr für Kritik. Gerade im letzten Punkt sind die Berliner unzufrieden. Note: 6
Sieben Städte bekamen dagegen ein „Sehr gut“, so etwa Düsseldorf, Duisburg und Essen. Vielerorts gibt es schon mobile Bürgerdienste.
Der VW wurde vor wenigen Tagen zum Amt auf Rädern umgerüstet: Mit Fingerabdruck-Scanner, Drucker, Standheizung, Änderungs-Terminal – und Claudia Schulze, Verwaltungsfachangestellte der Stadt. „Wir können in dem Wagen alles tun, was wir auch an unserem Hauptsitz machen können.“
In Rossow ist Saskia Bauer ihre erste Kundin. Und die hat gleich viel Arbeit dabei. „Ich habe mehrere Personalausweise aus der Verwandtschaft mitgebracht, die müssen alle geändert werden“, sagt die 17-Jährige. Hinter ihr versammeln sich mehr und mehr Dorfbewohner, stehen brav in der Schlange. „Das Angebot richtet sich vor allem an ältere Bürger, für die der Weg ins Hauptamt beschwerlich ist. Sie ersparen sich die Fahrt in die Stadt. Hier fährt der Bus, wenn überhaupt, schließlich nur einmal am Tag“, so Claudia Schulze (23). Zwei Stunden bleiben sie, der IT-Mitarbeiter Benjamin Kremm (34) und die Ordnungsamts-Mitarbeiterin Silvia Strücker (52) im Dorf.
Bürger-Service in Berliner Behörden: Note 6
Die Hauptstädter ärgern sich über lange Warteschlangen wie hier im Bürgeramt Wedding. Mitarbeiter reagieren bei Kritik oft dünnhäutig.
Foto: Oberst, dpa, ddp, FotoliaWährend Schulze für alle Sorgen und Nöte ein Ohr hat, ist ihre Kollegin aus dem rollenden Bürgermobil „die Böse“. Während im Transporter (212 000 Kilometer auf dem Tacho) Pässe geändert, Hunde angemeldet und Führerscheine beantragt werden, läuft Strücker Patrouille. Sie kontrolliert die Sauberkeit der Bürgersteige, notiert nicht gejätetes Unkraut auf selbigen. „Das gehört zu meinen Aufgaben. Die Bürger werden nun angeschrieben und müssen sich kümmern.“
11 Uhr mittags verschwindet das rollende Amt wieder. Nächstes Ziel: Fretzdorf, wenige Kilometer weiter. Auch hier wird der feuerrote Transporter schon sehnlich erwartet, Dutzende Ausweise müssen in „Fretzdorfer Dorfstraße“ geändert werden. Für wiederum zwei Stunden werden Schulze und Kollegen zur Attraktion. Dann herrscht wieder Stille.

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