Wie ein grober Schlachter sieht Hendrik Zühlke nicht unbedingt aus: Allein seine Hände sind dafür zu fein. Doch damit hat der 30-Jährige schon viele Schweine- und Rinderhälften zerteilt. Und dann Koteletts, Hackfleisch oder Blutwurst daraus gemacht. Heute schneidet Zühlke mit seinem Messer nur noch Tofu und Gemüse: Der gelernte Fleischer aus Schöneiche bei Berlin ist nämlich zum Veganer mutiert - „vor allem aus ethischen Gründen“, wie er sagt. Eine merkwürdige Wandlung. Wie ein Fischer, der seine Angel nur noch nach Seealgen auswirft.
In Berlin betreiben Anne und ihre Geschäftspartnerin Sara Rodenhizer einen Erotikshop mit Wohnzimmeratmosphäre für Veganer. In ihrem Laden kann Mann und Frau neben Sexspielzeug ohne tierische Produkte auch vegane Cupcakes kaufen.
Foto: dpa„Ich habe gerne Fleisch gegessen“, sagt Zühlke. Und durch seinen Beruf auch ziemlich viel. Doch irgendwann habe er angefangen, über das Leid der Tiere nachzudenken. Die Zustände in der Massentierhaltung. Anfangs aß Zühlke nur noch Biofleisch, dann gar keines mehr. Bis er gänzlich auf tierische Produkte verzichtete. Klar, dass er seinen Job als Fleischer damit an den Nagel hängen musste. Wer Schweine lieber quieken hört, kann nicht gleichzeitig ihre Köpfe zu Sülze verarbeiten.
„Die Initialzündung kam, als ich das Buch von Karen Duve las“, erinnert sich Zühlke. Die Schriftstellerin, die nicht weit weg von Schöneiche in der Märkischen Schweiz wohnt, schwärmte auch mal von knusprigen Brathähnchen. Bis sie über die Zustände in der Massentierhaltung nachzudenken begann und ebenfalls aus ethischen Gründen mit dem Fleischessen aufhörte. Duve schrieb das Buch „Anständig essen“, es wurde ein Bestseller. Die Zahl der Vegetarier liegt hierzulande laut Vegetarierbund (VEB) bei etwa 6 Millionen, die der Veganer bei 600 000.
Franz Hartig geht in der Inszenierung von Thomas Ostermeier dem Schweinskopf an den Kragen.
Foto: POP-EYEFür die meisten Deutschen gehört Fleisch indes weiter zu einem gesunden Essen dazu, im Jahr werden mehr als sieben Millionen Tonnen Fleisch und Fleischerzeugnisse verbraucht. Hendrik Zühlke kommt heute nur noch beim Einkaufen an der Fleischtheke vorbei. Mit seinem Korb voller Gemüse bleibt er dann manchmal vor Schinken, Corned Beef und all den anderen Spezialitäten stehen. „Es ist überhaupt nicht so, dass ich mich vor Wurst und Fleisch ekele“, betont er. Das sei ihm wichtig: Die Fleischesser nicht zu verteufeln. Sondern zum Nachdenken anzuregen. „Wenn eine Familie mal einen fleischfreien Tag einlegt, ist auch schon was gewonnen“, sagt der 30-Jährige.
Biohotel Gutshaus Parin in Grevesmühlen
Im idyllisch gelegenen Biohotel Gutshaus Parin, nur zehn Kilometer von der Ostsee entfernt, gibt es alles, was das vegetarische Herz begehrt: Für Gäste steht ein abwechslungsreiches Buffet mit biologischen Speisen bereit. Wohnen kann man in angenehmer und allergikerfreundlicher Atmosphäre – die 30 Hotelzimmer Zimmer wurden nach ökologischen Gesichtspunkten eingerichtet.
Foto: HolidayCheck.deDie Tierschutzorganisation Peta machte Zühlke neulich zu einer Art Mitarbeiter des Monats. Die Aktivisten drehten einen kleinen Film über den „Gesinnungswechsel“ des Fleischers. Bei Youtube wurde das Video über 7000 Mal angeklickt. „Hendrik Zühlke steht exemplarisch für eine gesellschaftliche Veränderung“, sagt Jobst Eggert von Peta Deutschland. Wegen des Leids der Tiere, des Klimawandels und der eigenen Gesundheit würden immer mehr Menschen auf vegane Ernährung umsteigen. „Als Ex-Fleischer ist Hendrik Zühlke natürlich ein besonderes Beispiel für einen Wandel zu einem friedvolleren Lebensstil“, findet Eggert.
Die Frau ist auf dem Weg nach Hause. Sie trägt eine Halskrause.
Foto: Peta/YoutubeTierfreund Zühlke studiert heute Wirtschaftskommunikation. Statt zum Schlachterbeil greift er im Hörsaal zum Kugelschreiber. Zudem engagiert er sich bei den Grünen. Er sei eben „Weltverbesserer und Idealist“, sagt er. Langweilig dürfte ihm nicht werden. Die Massentierhaltung soll in Deutschland eher ausgebaut werden. Neue Mastanlagen für Millionen Hähnchen und Schweine geplant, heißt es im „Kritischen Agrarbericht 2012“. Das Land wird mehr Fleischer brauchen.

Er ist in den vergangenen Wochen ein gefragter Mann gewesen: am Flughafen, in Potsdam, in den Hochwassergebieten. Mehr...
