Da war diese merkwürdige Knattern in der Luft“, erinnert sich Irmgard Horn (75). „Mein Mann sagte noch: „Da geht wohl einem die Puste aus – und dann knallte es.“
Am 14. August vor 40 Jahren starben auf dem Weg ans Schwarze Meer 148 Urlauber und acht Besatzungsmitglieder der DDR-Airline Interflug. Der Absturz bei Königs Wusterhausen hat sich ins Gedächtnis vieler Berliner und Brandenburger eingebrannt. Bis ins zehn Kilometer entfernte Karolinenhof hörte man damals den Aufschlag.
Die Absturzursache wurde in der DDR vertuscht. In der Öffentlichkeit hielt sich hartnäckig das Gerücht, die Maschine sei beim Durchfliegen einer selbst verursachten Treibstoffwolke explodiert.
Doch die Katastrophe war kein Crew-Fehler. Der 51-jährige Pilot Heinz P. (8.100 Flugstunden, 4 Mio. Flugkilometer) war genauso erfahren wie Co-Pilot (6.041 Flugstunden) und Navigator (8.570 Flugstunden). „Die wahren Hintergründe konnte man erst nach der Wiedervereinigung recherchieren“, sagt Hajo Henning vom Berlin-Brandenburgischen Luftfahrtclub „Otto Lilienthal“. Dabei hatten DDR-Experten schon wenige Monate nach dem Unglück Konstruktionsfehler des sowjetischen Herstellers als Absturzursache ausgemacht. Diese wurden behoben, aber nie öffentlich eingestanden – um das Verhältnis der beiden „Bruder-Staaten“ nicht zu belasten.
Angehörige erfuhren von all dem wenig. „Der Staat hat uns nie eine Erklärung gegeben“, schildern sie. Was wirklich passierte: Ein Konstruktionsfehler führte dazu, dass es kurz nach dem Start um 16.29 Uhr im Heck zum Kurzschluss kam. Dort lagerte leicht entzündliches Enteisungsmittel, das in Flammen aufging. Da Brandmelder fehlten, blieb das Feuer unbemerkt. Durch die große Hitze löste sich das Heckteil zusammen mit dem Höhenleitwerk vom Rumpf.
Doch die Unterlagen blieben unter Verschluss und die DDR-Oberen vereinbarten Stillschweigen. Sie wollten einen Konflikt mit den sowjetischen Genossen vermeiden. Die Unglücksmaschine war die erste IL 62, die die DDR für die Interflug gekauft hatte, um ins lukrative West-Geschäft einzusteigen.
„Wir sind der schwarzen Rauchwolke am Himmel mit den Mopeds nachgefahren“, erinnert sich Dietmar Lange an den Tag der Katastrophe, den er niemals vergessen wird. Der Bahnmitarbeiter war 17 Jahre, als die IL 62 (Kennzeichen DM-SEA) um 17 Uhr abstürzte. Trotz großräumiger Absperrungen fand er auf einer Wiese bei Königs Wusterhausen Splitter und Kabel der Maschine. Bis heute verwahrt sie der 56-Jährige in einer kleinen Zigarrenkiste – wenn man sie öffnet, riecht es noch immer nach verbrannten Metall.
Lange hat damals gesammelt, was er in die Finger bekam: Die Todesanzeige der Interflug für ihre Besatzung, die einen „wertvollen Beitrag zur Entwicklung unseres sozialistischen Luftverkehrs geleistet“ hat. DDR-Zeitungsartikel, die von einem „Regen aus Menschen und Koffern“ und später einem „ergreifenden Trauerakt“ berichten. Fotos von Särgen, aufgereiht beim Trauerakt des Ministerrats der DDR auf dem Waldfriedhof in Wildau.
Über Nacht wurde der Friedhof in Wildau hergerichtet: „Die Volksarmee rückte mit Planierraupen an, große Bäume wurden gefällt“, erinnert sich Lange. Am Rande des Friedhofs wurde ein schwarzer Gedenkstein errichtet. Er trägt die Namen von 60 Insassen, deren Identität nicht mehr geklärt werden konnte und deren sterbliche Überreste in Wildau beerdigt wurden.
Für die Rechtsmediziner war die Arbeit ein Kraftakt, ein derartiger Katastropheneinsatz war neu: „Für eine so große Zahl von Leichen und Leichenteilen fehlten spezielle Transportfahrzeuge, ebenso geeignete Räume für die Lagerung mit Licht, Belüftung, Kühlung und wenigstens minimalen hygienischen Verhältnissen“, berichtet Gunter Geserick, damals Chef des Gerichtsmedizinischen Instituts der Charité, im Buch „Endstation Tod“. Experten aus Leipzig und Halle reisten an. „Wir haben damals ohne Rücksicht auf Dienstzeit und körperliche Befindlichkeiten gearbeitet“, berichtet Rechtsmediziner Eberhard Lignitz, der mit 32 Jahren der wohl jüngste Arzt im Team und noch kein ausgebildeter Gerichtsmediziner war.
„Über dieses Unglück mit solch einem Ausmaß sind wir alle zutiefst erschüttert“, so DDR-Ministerpräsident Willi Stoph 1972 in seiner Trauerrede auf dem Friedhof in Wildau.
Später gehörte Stoph zu jenen, die den Angehörigen die Wahrheit verwehrten. Inzwischen liegt er nur wenige Meter von dem Gedenkstein der Absturz-Opfer auf dem Waldfriedhof begraben, wie Dorfchronistin Horn berichtet. MVK/STH

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