E_Paper_BK
BERLINER KURIER - Berlins ehrliche Boulevardzeitung im Netz

Toni Krahl - Sex, Alk & Rock 'n' Roll: Wie wir die Puppen tanzen ließen

Krahl_Xa

Küsschen für Tamara Danz. Toni und die Silly-Sängerin erlebten in ihrer „Gitarreros“-Zeit echt wilde Partys.

Ich bin Toni Krahl, 66 Jahre alt, Berliner. Seit fünfzig Jahren ist die Musik mein Leben. Über vierzig Jahre stehe ich in der ersten Reihe von City. Wir haben in dieser Zeit mehrere tausend Konzerte zwischen Moskau und Havanna gegeben. Ich habe Hunderte Gitarrensaiten zerfetzt, eine halbe Million Zigaretten verbrannt und ungefähr einen Hektoliter Feuerwasser vernichtet. Denn auch Rocker in der DDR verstanden es, richtig zu feiern.

Die 70er-Jahre – und City zum ersten Mal auf Tour durch die Sowjetunion. Und das für sechs Wochen. Wir fragten Kollegen, die solche Tourneen schon hinter sich hatten. Alle Erfahrungsberichte fanden ihren Höhepunkt darin, dass es dort immer blöd sei mit dem Alkohol. Den gäbe es nur in bestimmten Läden und zu bestimmten Zeiten und Gaststätten, nicht in Straßen-Kneipen, nur in Hotels. Ab 22 Uhr sei alles dicht, aber schon ab 18 Uhr liefe alkoholmäßig gar nichts mehr.

Auf diese Ausnahmezustandssituation über sechs Wochen wollten wir vorbereitet sein. Die Kollegen hatten zwar gesagt: Na, Wodka bekommt man schon, ich war aber absolut nicht auf dem Wodka-Trip.

Krahl_IXa

Toni Krahl, erschöpft nach dem Auftritt. Trotzdem feierte der Rocker im Anschluss kräftig mit den Kollegen. Auch darüber schreibt er in seinem Buch „Rocklegenden“. 

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt meine Trinkerkarriere mit süßen Sachen, die Mädchen gerne trinken, starten lassen. Ich war kaffeelikörabhängig, wenn ich überhaupt Alkohol getrunken habe. Unser Gitarrist Fritz hatte sich mir angeschlossen und wir waren uns einig: Sechs Wochen sind eine lange Zeit, da nehmen wir keine Flaschen mit, da kaufen wir paar Plaste-Benzinkanister und kippen das Zeug da rein – und so hatten wir also 35 Liter Kaffeelikör dabei.

Als wir in Leningrad ankamen, bekamen wir dort drei Betreuerinnen: eine von der zentralen Künstleragentur Goskonzert in Moskau, eine örtliche und eine Übersetzerin: Olga. Eine stattliche Frau und üppige Schönheit. Blond und ansehnlich. Sie sprach schlechter Deutsch als ich Russisch.

Drei Tage Leningrad und wir alle noch frisch im Fleisch, das noch gut vertragen konnte. Es stellte sich heraus: Es gibt keinen Wodka. Auch nicht für Künstler aus der DDR. Und abends im Hotel kriegst du schon gar nichts mehr.

Als wir dann im Hotel saßen, stellte sich heraus, dass Kaffeelikör eine ganz, ganz leckere Sache ist. Vor allem für die Russinnen, die das gar nicht kannten. Die Leningraderinnen hatten auch noch Freundinnen, denen schmeckte das Zeug ebenfalls, und nach drei Tagen Heldenstadt war unser Sechswochenvorrat aufgebraucht. 35 Liter! Aus die Maus.

Wir haben Leningrad tatsächlich im Koma erlebt. Drei Konzerte am Tag, da wusste man am Abend, was man getan hatte. Dann noch diese Menge an Feierlichkeiten und diese Mengen Schmierstoff für die deutsch-sowjetische Freundschaft, auf die wir dauernd anstoßen mussten. Und dann stellte sich heraus, dass Olga mich nett fand. Auch das war anstrengend und wurde es mit der Zeit immer mehr ...

In den 80er-Jahren spielte ich bei den „Gitarreros“ mit, eine Art DDR-Superband unter anderem mit Mitgliedern von City, Karat, Rockhaus, Pankow, NO55, Stern Meißen und Silly. Die Partys nach den Shows waren sehr, sehr wild. Die gingen weit in die Verlängerung, und es wurden Unmengen Alkohol vernichtet. Alles, was man irgendwo mal über das ausschweifendste Rock ’n’ Roll-Leben gelesen oder geträumt hat, fand dort statt.

In jedem Ort, wo wir waren, haben wir nach der Show noch ’ne Show gemacht. Meist im Hotel, manchmal auch im Backstagebereich der Halle, in der wir gespielt haben. Zu denen waren die ansehnlichsten der Fans zugelassen, also der weiblichen.

Krahl_XIa

Toni Krahl und Herbert Dreilich (Karat) im Backstage bei den Gitarreros. 

Also: Gut gebaut ging vor gut gebildet. Da haben wir uns gerne eine Tafel aus den vorhandenen Tischen aufgebaut, an der wir dann alle gemeinsam gesessen haben, zwanzig, dreißig Leute des Rock’n’Roll-Wanderzirkus und dazu dann noch Fans und Freunde. Da hieß es: „Hoch die Tassen!“ Und die örtlichen Mädels durften über diesen langen Tisch laufen. Natürlich halbnackt. Sie mussten nicht. Aber wenn sie es wollten, durften sie es. Und meistens wollten sie. Tamara als die einzige Frau unter den Gastgebern hat sich da sehr, sehr wohlgefühlt und verhalten wie ein Kerl. Sie hat sich in der Männerwelt wohlgefühlt und war eine der Rädelsführerinnen unserer Ausschweifungen. Also auf der Männerseite, hat sich nicht etwa selbst entblößt, aber die Mädels angefeuert und uns viel Spaß gewünscht.