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David Bowie: "In Berlin kam ich noch einmal zur Welt!"

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Bowie stets mit Zigarette. Hier im Hotel Kempinski, wo er häufig Gast war.

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Harald Thierlein

Berlin trauert. Vorm Haus Nummer 155 an der Schöneberger Hauptstraße, in dem David Bowie wohnte, als er von 1976-1978 in unserer Stadt lebte, liegt ein Blumenmeer. Bis zuletzt schwärmte der Sänger über seine Berliner Zeit, in der er an der Mauer seinen größten Hit aufnahm – „Heroes“.

Die Hauptstraße ist zum Treffpunkt der trauernden Bowie-Fans geworden. Unter ihnen ist Mike, ein Mann Mitte Sechszig. Er schaut auf die Kerzen und Rosen, weint. „Am 8. Januar, an seinem Geburtstag, habe ich noch darauf getrunken, dass Bowie ewig lebt. Und dann das“, sagt er. Das war in der Kneipe „Nostalgie“ in der Crellstraße, wo ein Bowie-Cover an der Wand hängt. Dort erzählt Mike oft den Gästen, wie es war, als David mit seinem Musiker-Kumpel Iggy Pop in der Hauptstraße lebte.

Die Mauer-Stadt war damals der letzte Fluchtpunkt für den Weltstar. Nach seiner Platte „Space Oddity“ hatte er keine Ruhe mehr gefunden, er konnte nicht mehr ohne Drogen. Bowie hatte sich am Ende gefühlt.

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David Bowie und Romy Haag bei einer Silvesterfeier in Berlin. 1976 traf der Sänger den Travestiestar, ging mit ihr eine Beziehung ein.

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Ullstein Bild / Pictorial Parade

In Berlin fühlt sich der Star wohl. Er kennt den Besitzer des Pelzladens von nebenan und den Betreiber des Geschäfts für Auto-Ersatzteile. Er liebt es, unerkannt durch die Stadt zu stromern. Nur wenn er in die Musikläden am Kudamm und an der Gedächtniskirche ist, sich neue Platten anhört, tuscheln die Leute hinter seinem Rücken. Aber sie lassen ihn in Ruhe. Auch im KaDeWe, wo Bowie oft was zum Essen kauft.

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David Bowie und sein Musiker-Kumpel Iggy Pop erlebten zusammen in Berlin wilde Zeiten,
feierten in Kneipen und Diskotheken, schrieben danach Songs. 

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MediaPunch/face to face

Die Wohnung in der Hauptstraße – zum Songschreiben und Musizieren braucht er nicht viel. Eine Matratze, paar Möbel, Bücher, Bilder, Platten, Instrumente, eine Musikanlage. Ein Zimmer für Sohn Duncan, der im Kiez zu Schule geht.

Mit Iggy Pop erobert Bowie Berlin. Im Mercedes fahren sie zum „Brücke“-Museum oder rüber in den Ostteil, um dort Platten zu kaufen. Sie lassen es im „Anderen Ufer“, der Schwulenkneipe an der Hauptstraße krachen, feiern in der Diskothek „Dschungel“ (Nürnberger Straße). Bowie lässt nichts aus. Er ist Gast in der Bar von Romy Haag, verliebt sich in den Travestie-Star. Die Affäre sorgte wohl dafür, dass seine erste Ehe in die Brüche ging.

Berlin inspiriert Bowie. Mit Iggy Pop und Brian Eno arbeitet er wie besessen an neuen Songs. Aufgenommen werden sie in den Hansa-Studios nahe der Mauer. „Als Bowie den ,Meistersaal’ betrat, war er begeistert von der Akustik“, erinnert sich Toningenieur Eduard Meyer. Unter seiner Regie entstanden Bowies Berlin-Alben „Low“, „Heroes“ und „Lodger“.

Der „Helden“-Hit begeistert Ost und West. Die Rockband City nahm den Hit 2014 neu auf. „Wir hatten ihn schon zu DDR-Zeiten live gespielt, sehr zum Ärger der Funktionäre“, sagt Gitarrist Fritz Puppel.

In Berlin machte Bowie nicht nur Musik. Er spielt 1978 im Film „Schöner Gigolo, armer Gigolo“ neben Marlene Dietrich mit, schreibt die Musik für den Film „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. „In Berlin kam ich neu auf die Welt, sagte Bowie einmal. „Hier empfand ich wieder Lebensfreude“.

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Im Meistersaal der Hansa-Studios nahm David Bowie drei LP und den Hit „Heroes“ auf – alles unter der Regie von Toningenieur Eduard Meyer (re.). 

Berlin hat David Bowie viel zu verdanken. Ihm folgten Weltstars wie U2 und Depeche Mode, die hier ihre Platten aufnahmen. „Bowie hat Berlin auf die musikalische Landkarte gesetzt“, sagt der britische Musikproduzent Mark Reeder. Vor Tagen feierte die Berliner Musikwelt in den Hansa-Studios (Köthener Str. 38) noch Bowies Geburtstag und sein neues Album. Am Freitag wird es dort nun ab 12 Uhr eine Trauerfeier für Bowie geben.