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Berliner-Kurier.de | Abschied von Kultsänger Achim Mentzel : Der singende Polsterer aus dem Prenzlauer Berg
05. January 2016
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Abschied von Kultsänger Achim Mentzel : Der singende Polsterer aus dem Prenzlauer Berg

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Seine Erscheinung sei „irgendwo zwischen Tony Marshall, dem Yeti und einem überfahrenen Hamster“, hieß es über Achim Mentzel.

Foto:

imago/Gueffroy

Er trug ein Brusthaar-Toupet (behauptete er zumindest keck), darüber eine Goldkette. Dazu seine ewige 1980er-Jahre-Minipli-Frisur, die er  steif und fest als Naturlocken verteidigte.

Achim Mentzel prägte sich einem ein – ob man wollte oder nicht.  Wer mit dem Kult-Ossi (einer seiner Spitznamen) redete, ihm zuhörte, hatte das Gefühl: Der ist wie ein Kumpel, ein manchmal etwas nerviger, aber netter Nachbar von nebenan, der sich mal eben über den Gartenzaun beugt und  plappert, wie ihm die Schnauze gewachsen ist. Sich dabei selbst nicht so ernst und gerne auf die Schippe nimmt. Irgendwie niedlich und immer nett.

Man konnte ihm kaum böse sein. Nun ist dieser Pfundskerl, diese Ostberliner Pflanze mit 69 Jahren in Cottbus gestorben. Um 13 Uhr hörte sein Herz am Montag auf zu schlagen. Am Morgen war ihm schwindelig gewesen, er hustete, kam ins Krankenhaus – und nun ist er nicht mehr da. Dabei hatte Achim Mentzel noch soviel vor, wollte seinen 70. Geburtstag feiern, es richtig krachenlassen. Außerdem standen schon die Tournee-Daten mit Schlagersänger-Freund Uwe Jensen   – um dem verstorbenen Udo Jürgens ein Denkmal setzen.

„Mit 66 Jahren fängt das Leben an“ wollten er und Jensen neben anderen Songs zum Besten geben. Das kann er jetzt nicht mehr. Schade. Mentzel (1946 in Ostberlin geboren) wuchs im Prenzlauer Berg auf.  Er liebte die alten Häuser, die Hinterhöfe. Das war sein Berlin. Und den Fußballverein „Vorwärts Berlin“. Er kickte fast täglich auf dem Rasen, galt sogar als hoffnungsvolles Talent, stand vor einer Profilaufbahn.

Als der Verein allerdings nach Frankfurt/Oder zog, blieb Kicker Mentzel in Berlin und bastelte an seiner Musiker-Karriere, blieb allerdings eingefleischter Fußball-Fan – erst beim FC Union, später bei Energie Cottbus. Für Energie schrieb er die Stadion-Hymne, bei Union sang er den Kulthit „Stimmung in der Alten Försterei“. Doch das war später. Als Teenager  lernte er zuerst etwas  „Solides“ – das Handwerk des  Polsterers. Darauf pochten seine Eltern.

Trotzdem:  Mit  15 Jahren rockte Mentzel bereits mit dem Diana-Schau-Quartett durch Ostberliner Kneipen. Er kopierte die Songs der Beatles und Rolling Stones. Die liebte Mentzel. Er verstand zwar kein Wort, wie er mal zugab. Trotzdem – diese Bands und  dazu seine exzessiven Auftritte. Das  fand das Publikum toll.

Die SED-Genossen dagegen nicht – Mentzel bekam Spielverbot. Da war er  17 Jahre jung. Er gab nicht auf. Als er mit  18 als Versorgungsfahrer zur Armee ging, spielte Mentzel mit der Transportbataillon-Kombo in Dorfdiskos.
Er sattelte vom Rock auf seichte Stimmungsmusik um, „weil ich niemandem meine Texte vorlegen wollte“.

Politisch unverfänglich waren sie und er durfte sogar in den Westen reisen und auftreten –  so 1973 mit dem Alfons-Wonneberg-Orchester. Dort blieb er überraschend, weil ihm daheim seine Ex (er hatte insgesamt vier Ehefrauen) die Hölle heißmachte,. „Ich hatte mal wieder Mist gebaut“, plauderte er aus.

Republikflucht wegen einer Affäre – das ist auch so eine der Nähkästchen-Geschichten, die er offenherzig preisgab. Mentzel wohnte bei Verwandten im Saarland, verdingte sich als Schweißer. Beim Arbeitsamt hatte er sich ebenso vorgestellt, bekam allerdings zu hören: „Gaukler und Fallensteller haben wir hier genug.“

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Mentzel 1986 im DDR-Fernsehen.

Foto:

imago/Gueffroy

Nach wenigen Monaten kehrte er reumütig zurück. Die DDR-Oberen reagierten verärgert, aber milde: Zehn Monate Gefängnis – allerdings auf Bewährung – kostete ihn der Ausflug in den Westen. Zurück in der DDR,  lernte Mentzel Nina Hagen kennen, gründete mit ihr 1974 „Fritzens Dampferband“.

Sie kopierten unter anderem Songs von Udo Lindenberg, der 1976 höchstselbst  ein Konzert der Band im „Lindencorso“ (Unter den Linden) besuchte und sich kurzerhand ans Schlagzeug setzte. Mentzel strahlte.
Für ihn ging es auch ansonsten weiter: Er begann  seine Solokarriere als Volks- und Stimmungsmusiker, besang die Spreewaldgurke („Sauer macht lustig“), trat im DDR-Fernsehen auf  – und hatte  mit der Wende  noch einmal Glück.

„Ich war gefragt im Westfernsehen und hatte mit „Achims Hitparade“ am 23. November 1989 meine erste eigene TV-Sendung.“  Diese machte ihn bekannt, diesen „Zonen-Zausel“, wie Mentzel   von Oliver Kalkofe verhöhnt wurde. 

Seine Erscheinung sei „irgendwo zwischen Tony Marshall, dem Yeti und einem überfahrenen Hamster“. Mentzel  hörte den bösen Witz und lachte sich schlapp: „Ich sagte zu meiner Frau: Jetzt erobern wir den Westen, jetzt kennt mich da doch jede Sau!“

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