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Berliner-Kurier.de | Weißensee kommt! : Ein Stadtteil geht in Serie
26. March 2016
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Weißensee kommt! : Ein Stadtteil geht in Serie

Weißensee -

Die ARD widmete dem Pankower Ortsteil drei Staffeln – und auch fernab der Mattscheibe geht Weißensee nun in Serie. Immer mehr Menschen ziehen in den Kiez, allerorten wird gebaut, viele Neubauten entstehen, Geschäfte verändern sich. Wird Weißensee das neue Prenzlauer Berg?

Selbst bei Regenwetter zieht es die Anwohner aus dem Kiez zu ihrem Lieblingsplatz – dem schönen Weißen See. Wer hier fragt, was die Weißenseer so an ihrem Zuhause lieben, hört immer die gleichen Antworten. Die Lage bietet beides – Stadt und viel Natur. Man kommt schnell in Berlins Zentrum – und ebenso schnell wieder zurück. Lange Spaziergänge am See locken – im Sommer ist hier das Strandbad geöffnet.

Nicht nur alte Hasen sind von der Lage überzeugt. Immer mehr Menschen kommen offenbar auf die Idee, ins beschauliche Weißensee zu ziehen. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung erwartet für Pankow bis 2030 ein Bevölkerungsplus von rund 16 Prozent – der größte Zuwachs aller Berliner Bezirke. Liegt es daran, dass mit dem Prenzlauer Berg auch die Zentrale der Macchiato-Mütter und Hipster zum Bezirk gehört? Weit gefehlt! „Es ist ein Mythos zu glauben, dass Pankow wächst, weil der Prenzlauer Berg da ist“, sagt Pankows Bezirksbürgermeister Matthias Köhne (SPD). Der neue Trend-Kiez heißt Weißensee! Derzeit werde etwa im Komponistenviertel viel gebaut und saniert. „Baugruppen sind das erste Zeichen, dass sich etwas verändert.“ Auch für Köhne ist klar, warum das Gebiet boomt. Es liege daran, „dass es nicht so überlaufen ist“, sagt er. „Dass man schnell in die Stadt kommt. Möglicherweise sind die Mieten auch nicht so hoch.“

Anwohner haben andere Beobachtungen gemacht. „Es kommen sehr viele junge Leute her, auch viele Familien“, sagt Heide (34), die der KURIER mit Freund Daniel (32) und Tochter Marianne (1) beim Spaziergang trifft. Seit 1993 wohnt das Paar in Weißensee. Ihr Glück: „Mein Freund bewohnt seine Wohnung schon länger, der Mietpreis ist noch recht konstant“, sagt sie. Doch die Mieten steigen. „Wir wollen bald umziehen, würden uns aber keine neue Wohnung in Weißensee nehmen, denn das wäre nicht bezahlbar. Wir werden nach Marzahn gehen, solange man sich die dortigen Mieten noch leisten kann.“

Auch sonst verändere sich der Kiez, sagt Heide. „In Cafés und Kneipen herrscht inzwischen ein ganz anderes Flair als früher. Echte Ur-Berliner findet man nur sehr selten“, sagt sie.

Gleiches beobachteten auch Flora (24) und Jennifer (27), die seit Jahren in Weißensee leben. „Die Struktur der Geschäfte verändert sich. Heute gibt es hier viele Bio-Läden, das zieht natürlich ein ganz anderes Klientel an. Alle Plätze werden bebaut, Eigentumswohnungen schießen aus dem Boden. Hier kommen nicht viele Studenten her, sondern hauptsächlich Familien, die sich solche Wohnungen leisten können.“

Der Umzugsplan von Ines (49) ist daran gescheitert. Sie arbeitete früher in Weißensee, ging nach NRW, wollte zurückkehren. „Ich fand aber keine Wohnung mit einem angemessenen Preis-Leistungs-Verhältnis“, sagt sie dem KURIER. Noch immer ist sie auf der Suche, möchte gern zurück – denn der Ortsteil bleibt ihr Berliner Lieblingsplatz. „Da kommen schnell viele alte Erinnerungen hoch“, sagt sie.

Den Wandel bemerken auch Geschäftsleute. Susann Krüger, Geschäftsführerin des Eiscafés Eisspatz, zog mit ihrer Familie vor vier Jahren von Prenzlauer Berg nach Weißensee. Viele junge Familien kommen ins Café. „Der Zuzug aus dem Prenzlauer Berg ist unglaublich hoch“, sagt Krüger. „Im ersten Jahr haben wir eher Kaffee verkauft, inzwischen nimmt der Latte-Macchiato-Anteil deutlich zu“. Auch bei der Gastro-Kette Schiller-Burger glaubt man an den Trend. „Weißensee wird kommen“, sagt Chef Ali Cengiz. „Aber ob das ein Jahr dauert oder fünf, kann ich schwer abschätzen.“

Auch Skeptiker gibt es: Die Macher der Website „Spirit of Berlin“ etwa kritisieren den Bezirk. Er könnte zum Trend-Kiez werden, „gäbe es da nicht ein großes Manko: Keine S-Bahn, keine U-Bahn. Und ehrlich gesagt: In Weißensee gibt es den See, zwei Kinos und eine vielbefahrene Hauptstraße. Nebenstraßen mit gemütlichen Kneipen: Fehlanzeige. Die Bizetstraße soll mal eine Kneipenmeile werden, aber vor 2025 sollte man sich da mal keine großen Hoffnungen machen.“