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Vetternwirtschaft?: Zoff um McKinsey-Berater für Berliner Flüchtlings-Politik

Der Regierende Michael Müller zerreißt ein Papier wegen des McKinsey-Zoffs im Parlament.

Der Regierende Michael Müller zerreißt ein Papier wegen des McKinsey-Zoffs im Parlament.

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dpa

Berlin -

McKinsey ist eine Macht. Nichts auf der Welt geschieht ohne dem Unternehmens- und Strategieberatungskonzern, der 1926 in den USA gegründet wurde, in New York seinen Sitz hat. Über 9000 Berater sind in 52 Ländern aktiv. Auch in Deutschland – und in Berlin. Vom Bikini-Haus in Kudamm-Nähe schwärmen stets 300 Mitarbeiter aus, um dort zu helfen, wo Not am Mann in der Hauptstadt ist.

Auch beim Lageso sind die Berater tätig, damit die Behörde das Flüchtlingschaos in den Griff bekommt. Und genau das sorgte gestern für einen handfesten Zoff auf der Parlamentssitzung im Abgeordnetenhaus.

Ex-Staatsekretär Lutz Diwell arbeitete am Masterplan für Integration mit.

Ex-Staatsekretär Lutz Diwell arbeitete am Masterplan für Integration mit. 

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dpa

Es geht um den Lageso-Beratervertrag zwischen Senat und McKinsey in Höhe von 238 000 Euro und mögliche Vetternwirtschaft. Linke, Grüne und Piraten werfen dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) vor: Die Senatskanzlei hätte in der Flüchtlingssache dem Ex-Justiz-Staatssekretär Lutz Diwell (SPD) über McKinsey einen lukrativen Beratervertrag zugeschanzt (KURIER berichtete).

„Wir verlangen vom Regierenden sofortige Aufklärung“, sagte Abgeordnete Nicole Ludwig (Grüne). Doch dieser war auf der Ministerpräsidentenkonferenz. Da die Koalitionsvertreter von CDU und SPD die Fragen nicht beantworten konnten und nicht wollten, sorgte die Opposition für einen Eklat. Die Sitzung wurde unterbrochen, der Ältestenrat einberufen. Per Antrag erzwang die Opposition, dass Müller aus seiner Runde ins Parlament geholt wurde, um sich den Fragen zu stellen.

Geklärt werden sollte, weshalb SPD-Mann Diwell an dem „Masterplan für Integration“ zur Klärung von Lageso-Abläufen mitwirkte, an denen auch McKinsey-Leute arbeiteten. Dass er es tat, bestätigte eine McKinsey-Sprecherin dem KURIER. Und sie erklärte auch, dass der Ex-Politiker dafür als externer Berater dazu geholt wurde.

Die Opposition wirft nun Staatskanzlei-Chef Björn Böhning (SPD) vor, er hätte das Parlament zur Vergabe des 238 000 Euro-Beratervertrages an McKinsey belogen. „Mehrmals hat er uns erklärt, dass nur McKinsey in der Lage wäre, den Masterplan zu erstellen“, sagt die Grüne-Abgeordnete Ludwig. „Wenn wir nun erfahren, dass ein ehemaliger Staatssekretär ihn letztlich erstellt hat, wirkt die Argumentation mehr als unglaubwürdig.“

Der Verdacht liegt nahe, dass SPD-Mann Diwell kräftig an dem 238000 Euro-Auftrag mitverdient hat. Nach KURIER-Informationen sollen es ein sechsstelliger Betrag gewesen sein, was McKinsey nicht bestätigen wollte.

Die Summe ist ein Schlag ins Gesicht für alle Berliner, die dem Lageso beim Versorgen der Flüchtlinge geholfen haben – ohne einen einzigen Cent dafür zu bekommen.

Müller gab zu, mit Diwell 2015 zweimal jeweils 20 Minuten über das Flüchtlingsthema gesprochen zu haben. „Ich hatte keine Kenntnis, dass er von McKinsey als externer Berater verpflichtet wurde“, sagte der Regierende. „Ich glaube auch nicht, dass Diwell federführend am Konzept gearbeitet hat“. Müller bestritt eine Einflussnahme durch die Senatskanzlei. Linke und Grüne beantragten darauf die Einsicht in die Beraterverträge mit McKinsey. 

Das Bikini-Haus in der City-West.

Das Bikini-Haus in der City-West. Hier arbeitet das Berliner McKinsey-Büro mit 300 Mitarbeitern und Beratern – auch für Landesunternehmen.  

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Gudath

McKinsey-Berater greifen immer mehr massiv in die Berliner Politik und in Landesunternehmen ein. „Für Unternehmensberatungen ist der Staat eine neue Goldgrube geworden“, sagt Bundestagsabgeordneter Tobias Lindner (Grüne). So mischte McKinsey bei der Sanierung des landeseigenen Klinikkonzerns Vivantes mit. Als 2004 die Berater einen Kostenvoranschlag von über 2,7 Millionen Euro für gerade einmal drei Monate Arbeit stellten, gab es einen großen Aufschrei. Selbst beim BER war McKinsey tätig. 2010 bis 2012 befassten sie sich mit dem Probebetrieb. 2014 bis 2015 waren sie für Ex-BER-Chef Hartmut Mehdorn tätig. Ständig bekommt McKinsey Aufträge vom Land, zuletzt für eine Arbeitsplatzstudie über „Intelligente Mobilität“.

Mittlerweile übernehmen McKinsey-Leute wichtige Posten in der Politik. Die einstige Berlin-Chefin ist Beraterin von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU). McKinsey-Mann Sebastian Muschter wurde Lageso-Chef.