E_Paper_BK
BERLINER KURIER - Berlins ehrliche Boulevardzeitung im Netz
Berliner-Kurier.de | Woher kommt der Schwabenhass?: Grüß Gottle, Berlin
06. January 2013
http://www.berliner-kurier.de/5404704
©

Woher kommt der Schwabenhass?: Grüß Gottle, Berlin

Nicole Kiemel arbeitet in Schwäbisch Gmünd, 585 Kilometer vom Alex entfernt. Das Foto entstand bei einem ihrer Berlin-Besuche.

Nicole Kiemel arbeitet in Schwäbisch Gmünd, 585 Kilometer vom Alex entfernt. Das Foto entstand bei einem ihrer Berlin-Besuche.

Foto:

Nicole Kiemel

Bundestagsvize Wolfgang Thierse lästert über Schwaben, auf Hauswänden prangt „Schwaben raus“, „Schwäbisch sprechen verboten“. Doch wie steht’s wirklich um den Schwabenhass in Berlin? Reporterin Nicole Kiemel aus Schwäbisch Gmünd reiste in die Hauptstadt und machte sich auf die Suche.

In einem Kiosk im Wedding will ich Zigaretten und einen Stadtplan kaufen. Ich stelle mich in die Schlange. Drei Kunden vor mir. Dann bin ich dran. Ich räuspere mich: „Grüß Gottle, I het gern blaue L&M“, sage ich. „Komm se an die Kasse da rüber, hier jibt et nur Lotto“, erwidert der hagere Mann hinterm Tresen und reicht mir die Schachtel Zigaretten. Puh, denke ich, entspanne mich ein wenig und frage: „Und hen Sie vielleicht au en Schtadtplah?“ Der Kioskverkäufer schaut mich über den Rand seiner Brille an, schüttelt den Kopf und sagt: „Jute Frage, nächste Frage.“ Ich weiche einen Schritt zurück und halte kurz die Luft an, als er sich über den Verkaufstisch beugt, nach draußen zeigt und sagt: „Sehn se das Büdchen da schräg gegenüber, vielleicht haben die einen.“ Ich atme aus, bedanke mich und verlasse den Kiosk – geschafft.

Für meine nächste Aufgabe fahre ich in den Osten. Schwaben sollen für steigende Mietpreise verantwortlich gemacht werden, also werde ich behaupten, ich sei auf dem Weg zu einer Wohnungsbesichtigung in Pankow. An der S-Bahnstation „Gesundbrunnen“ steige ich um...

Am Bahnsteig entdecke ich einen jungen Mann, Mitte 30, Dreitagebart, langes braunes Haar, auf einer Bank, die Beine lässig übereinandergeschlagen. Er zündet sich eine Zigarette an. „Darf ma denn dahana raucha?“, frage ich. Er schaut zu mir hoch: „Is ja offen“, antwortet er und wartet. „Da hasch recht“, sage ich und frage: „Du, bin i hier eigentlich richtig? I will nach Pankow.“ „Pankow? Nee, det is die andere Seite.“ Er deutet auf den Bahnsteig hinter mir. „Wo willste denn hin?“ „Ähhh, Wohnungsbesichtigung, irgendwo Nähe Haltestelle Pankow“, sage ich unsicher. „Na denn“, sagt er und deutet nach oben auf die Anzeige. „Dauert noch.“ Ich nicke dankbar und setze mich.

Plötzlich höre ich ihn wieder: „Du, die S2 fährt doch gegenüber. Siehste, da hinten steht se schon. Auf! Beeil dich“, ruft er mir zu. Ich laufe los, bedanke mich im Wegrennen und höre, wie er mir hinterherruft: „Viel Glück mit der Wohnung.“
Die ältere Frau im hellgrauen Mantel und mit Lederhandtäschchen gegenüber lächelt mich an. Später erfahre ich, dass sie Helga heißt, seit 41 Jahren in Berlin wohnt und ein Herz für Schwaben hat. Aber der Reihe nach. Zuerst steigt ein Pärchen, bepackt mit zwei Koffern, zu. Die beiden sprechen Englisch. Hilfsbereit erkundigt sich Helga nach ihrem Zielort, studiert den Fahrplan, nickt ihnen schließlich zu und sagt: „You are in the right train.“ Wie nett, denke ich. Als Helga aussteigt, springe ich hinterher, erkläre ihr, was ich mir vorgenommen habe und dass mich ihre Meinung zum Thema Schwaben in Berlin interessiert. Ich erfahre, dass Helga in Tübingen und Freiburg studiert, ein Herz für „Südländer“ hat. Für den „Schwabenhass“ macht sie die Wohnungspreise vor allem im Prenzlauer Berg verantwortlich....

Als ich am Senefelder Platz aussteige und die Kollwitzstraße entlanglaufe, bin ich geplättet. Elegant renovierte Häuser, eine Trattoria an der anderen, und es gibt sie wirklich und überall: kleine Boutiquen mit Vintageklamotten, Kinderläden, in denen man neben Filzbekleidung auch allerlei Accessoires wie klitzekleine bunt geblümte Kinderkleiderbügel bekommt – und Biomärkte so weit das Auge reicht. Dann entdecke ich ein kleines Stadtfest und mein Spießrutenlauf beginnt. Kinder rennen mir unentwegt vor und auf die Füße, Frauen und Männer – tatsächlich mit gefilzten Kopfbedeckungen und Latte Macchiato, wahlweise Weinschorle schlürfend – schieben Kinderwagen durch das Gedränge.

Im Zickzacklauf betrachte ich die Szenerie, die, so muss ich zugeben, das widerspiegelt, was ich bisher nur vom Hörensagen wusste. Nur eins kann ich nicht bestätigen. Als ich mich durchfrage, um eine waschechte Berliner Kneipe aufzuspüren, treffe ich keinen einzigen Schwaben. Nach gut einer Stunde finde ich sie endlich, die vielleicht letzte Berliner Kneipe im Prenzlauer Berg. Außer mir sitzen nur zwei weitere Gäste am Tresen. Eine Frau und ein Mann, die mich kurz mustern und sich wieder in ihr Gespräch vertiefen.

Ich bestelle einen Kaffee und beobachte die magere Bedienung. Ich schätze sie auf Mitte 50. Streichholzkurzes Haar, die Farbe ihrer Wangen leuchtet fast so rot wie ihr Shirt. Um ihre Hüften hat sie eine schwarze Lederschürze mit Rüschen geschnürt. Als sie mir den Kaffee reicht, sage ich: „Puh, i bin ganz schee durchgfrora. Hab ewig noach ner Berliner Kneipe gsucht.“ Sie nickt mir zu. „Jibt et kaum mehr“, sagt der Mann neben mir und schaut mich an. Unter seinem rechten Auge entdecke ich eine Tätowierung. „Und kaum no Berliner hier in da Gegend, oder?“, sage ich. Alle drei zucken mit den Schultern. „Stimmt des, dass es dahanna nur noch Schwoba gibt?“, frage ich weiter. Wieder nur Schulterzucken.

Ich wage einen weiteren Versuch: „I bin vorhin durchs Viertel glaufa. Überall Fraua mit Kinderwäga, die komische Filzkappen auf hen“, stichele ich und habe einen kleinen Erfolg. Die drei grinsen. „Ja, dat stimmt“, sagt die Frau hinterm Tresen. Als ich frage, ob es sie nicht störe, wie sich alles verändert hat, antwortet der Mann: „Hm, mir egal. Ich wohn hier nich.“ Er dreht sich weg. Spätestens jetzt merke ich, dass es nichts bringt und gebe mich geschlagen. Schließlich kann ich niemanden zwingen, die Schwaben zu hassen.

nächste Seite Seite 1 von 3