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Nur jeder 3. Patient akut krank: Ohne Not in die Notaufnahme

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Was Ernstes oder nur ein Wehwehchen? Die Ärzte in Berlins Rettungsstellen müssen alle behandeln. 

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dpa

Berlin -

Volle Wartezimmer, lange Wartezeiten: Ein Schlaganfall oder nur Bauchschmerzen vom vielen Gans-Essen: Die insgesamt 45 Notaufnahmen in den Berliner Krankenhäusern sind zwischen den Jahren wieder so voll, dass Überforderung droht. Patienten mit kleinen Rückenbeschwerden sitzen neben Schwerverletzten: Das ist in der Hauptstadt ein besorgniserregender Trend.

Der Großvater ist über die Weihnachtsfeiertage zu Besuch, ihm wird plötzlich schlecht. Klar: So ein Patient ist ein Fall für die Notaufnahme und zwar sofort. Gleichzeitig liegt einem anderen der Weihnachtsbraten schwer im Magen.

Die Ärzte in der Rettungsstelle müssen auch ihn behandeln und ernst nehmen. Dieser Spagat bringt Notfallmediziner an ihre Grenze. „Wir rechnen über die Feiertage mit mehr Zulauf in den Rettungsstellen. Jeden Patient, der sich als Notfall sieht, den müssen wir auch als solchen behandeln“, sagt Angela Kijewski, Sprecherin am Unfallkrankenhaus Marzahn.

Vivantes betreibt insgesamt acht Kliniken in der Hauptstadt. Sprecherin Kristina Tschenett erklärt: „Unsere Rettungsstellen sind stark ausgelastet, besonders an den Feiertagen.“ Im Notfallzentrum der Helios-Kliniken in Berlin-Buch rechnet man zwischen Weihnachten und Neujahr mit bis zu 20 Prozent mehr Notfällen, die es zu versorgen gilt.

Das Problem dabei: Nur ein Drittel der Berliner Patienten, die sich in der Rettungsstelle vorstellen, werden stationär aufgenommen. Die anderen zwei Drittel sind keine akuten Fälle. Sie hätten besser zum Haus- oder Facharzt geschickt werden sollen. Die Hauptstadt liegt damit über dem Deutschlandtrend. Bundesweit werden im Schnitt 40 Prozent der Notfallpatienten stationär aufgenommen.

Die Zahlen hat die Berliner Krankenhausgesellschaft veröffentlicht. Sie sieht eine Überlastung der Notfalleinrichtungen in einer stetig wachsenden Großstadt, die auch immer mehr Flüchtlinge aus Krisengebieten aufnehmen und versorgen muss.

Außerdem bedeutet jeder Patient, der nicht aufgenommen wurde, ein Verlustgeschäft. Die Krankenhausgesellschaft rechnet dahingehend für Berlin mit 72 Millionen Euro. Anja Kijewski vom Unfallkrankenhaus Marzahn: „Viele gehen in die Rettungsstellen, weil sie die schnelle Versorgung bevorzugen. Wir haben es dann in den Notaufnahmen mit Schwerverletzten zu tun, die wir ohnehin behandeln müssen und mit Menschen, die Bagatell-Verletzungen haben.“ Das führt zu Stress und langen Wartezeiten.

Der Grund für das Dilemma: Einen Facharzttermin zu bekommen, ist schwierig. Dann haben die Praxen der Hausärzte über die Feiertage zu. „Viele Berliner wissen jedoch nicht, dass Haus- und Fachärzte einen fahrenden Dienst eingerichtet haben, der für die Versorgung von weniger akuten Fällen zuständig ist“, erklärt Oliver Heide von der Krankenhausgesellschaft.

Doch dieser eigene ärztliche Bereitschaftsdienst, der in Berlin über die Feiertage mit 20 Ärzten rund um die Uhr im Einsatz ist, werde zu wenig in Anspruch genommen – nur 160 000 Mal im Jahr. Dem gegenüber suchen 800 000 Menschen in Berlin pro Jahr die Notaufnahme auf. Nach einer ersten Behandlung werden sie wieder entlassen. Diese Zahlen findet Oliver Heide alarmierend: „Den Behandlungsauftrag haben nicht immer die Krankenhäuser.“

Was tun? Um am Unfallkrankenhaus das Problem zu lösen, wurde die Kapazität der Notaufnahme für zehn Millionen Euro verdreifacht. Zudem wurde ein Gesundheitszentrum mit Arztpraxen eingerichtet, um dort weniger akute Fälle zu versorgen. Trotzdem landen viele in der Notaufnahme.

Weitere potenzielle Maßnahmen: Personal besser schulen, Notärzte mit einer eigenen Facharztprüfung weiterbilden. Christian Wrede, Chefarzt der Rettungsstelle im Helios-Klinikum Buch, rät den Feiertagspatienten: „Wenn keine Hausmittel mehr helfen, sollte man zur Abklärung den Bereitschaftsdienst anrufen. Für schwere Fälle bleibt der Notarzt.“ Die Krankenhausgesellschaft fordert, den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst bekannter zu machen: Der Service ist rund um die Uhr erreichbar –unter Tel. 310031 und 116117. Infos im Internet: www.kvberlin.de