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Man sieht es nicht, man riecht es nicht, man fühlt es nicht: Das schleichende Gift im Berliner Trinkwasser

Die Wasserbetriebe können nicht alle Arznei-Reste herausfiltern.

Die Wasserbetriebe können nicht alle Arznei-Reste herausfiltern.

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dpa

Berlin -

Die Wasserbetriebe rühmen sich für die Qualität des Berliner Trinkwassers. Strenge Kontrollen machen es angeblich zum gesunden und sicheren Lebensmittel Nummer 1. Experten werten das jedoch anders: Arznei-Rückstände von Hormonen und Pillen aller Art bedrohen demnach die Gesundheit der Berliner. Umweltbundesamt und Grüne fordern: Stoppt die Gift-Gefahr im Wasser!

Für die menschlichen Sinne ist das Risiko nicht erkennbar: Das Wasser wirkt rein, es schmeckt sogar besser als manche Selters-Sorte. Aber Fakt ist, dass immer mehr Arzneien in den Wasser-Kreislauf gelangen – und damit ins Trinkwasser! Hintergrund: In einer alternden Gesellschaft sind immer mehr Menschen auf tägliche Medizin angewiesen. Und auch Gesunde greifen zu chemischen Hilfsmitteln. Weil Arzneien aber nur zu rund zehn Prozent im Körper bleiben, gerät der größte Teil über die menschlichen Ausscheidungen ins Wasser-System.

Die Hormon-Gefahr: Viele Frauen nehmen die Anti-Baby-Pille, die das Hormon Östrogen enthält. Wasserwerke können, so die Toxikologin Dr. Eleonore Blaurock-Busch, den Wirkstoff aber nicht herausfiltern. Wenn Männer das weibliche Hormon Östrogen aufnehmen, müssen sie mit verminderter Spermien-Produktion rechnen: Der Stoff reduziert die Fruchtbarkeit.

Die Kontrastmittel-Gefahr: Eine Studie von Prof. Michael Bau (Bremen) wies 2010 das Kontrast-Mittel Gadolinium im Berliner Trinkwasser nach. Es wird für medizinische Diagnosen verwendet. Bau geht davon aus, dass noch weitere Stoffe in erhöhter Dosis im Trinkwasser schwimmen. Die Konzentration sei insgesamt zwar nicht extrem hoch. Aber: Die Auswirkungen dieses Medizin-Cocktails sind bisher noch kaum erforscht.

Das Problem beginnt schon damit, dass Leitungswasser nur begrenzt untersucht wird. Das Fach-Portal „Agenki“ hält fest: „Trinkwasser wird nur auf seine bakterielle Unbedenklichkeit und das Vorhandensein einiger weniger Gift-Stoffe beurteilt.“ Laut Umweltbundesamt gibt es aber 2800 Wirkstoffe in 30000 Arzneimitteln auf dem Markt. In deutschem Leitungswasser sollen auch Hormone aus Anti-Aging-Pillen, Chemie aus der Krebsbehandlung, Cholesterin-Senker, Rheuma- und Schmerz-Medikamente vorkommen.

Im Grunde haben auch die Berliner Wasserbetriebe die Gefahr erkannt. Der steigende Medikamenten-Konsum könne „langfristig die Konzentration von Spurenstoffen wie zum Beispiel Arzneimittelrückständen in unseren Oberflächengewässern erhöhen“. Von dort gerate die Chemie dann womöglich weiter bis ins Grundwasser.

Das Umweltbundesamt will deshalb erreichen, dass Arznei-Mittel schon bei der Zulassung auf Öko-Risiken und Wasser-Bedrohung getestet werden. In der Verantwortung sieht der Berliner Grünen-Chef Daniel Wesener auch Kliniken und medizinische Einrichtungen. Er sagt: „Bei der Entsorgung von Arzneien sollten auch sie noch stärker auf Ökologie achten.“

Kein gutes Signal für künftige Kontrollen mag es sein, dass das Landeslabor Berlin-Brandenburg, wie jetzt bekannt wurde, tief in den roten Zahlen steckt.